Architekturobjekte

Heinze ArchitekturAWARD 2026: Teilnehmer


Structural Anomalies - Zirkuläres Bauen neu gedacht

Diese Objektpräsentation wurde angelegt von: TU Braunschweig, Fakultät 3, Fachbereich Architektur, Dieter Beckert

Robotisches Fräsen von Altholz - Structural Anomalies - Zirkuläres Bauen neu gedacht

© John Rüstemeier & Dieter Beckert, IKON TU Braunschweig

1:1 Mockup Holzverbindung Alt-Neu, geschlossen - Structural Anomalies - Zirkuläres Bauen neu gedacht

© John Rüstemeier & Dieter Beckert, IKON TU Braunschweig

1:1 Mockup Holzverbindung Alt-Neu, offen - Structural Anomalies - Zirkuläres Bauen neu gedacht

© John Rüstemeier & Dieter Beckert, IKON TU Braunschweig

Digitale Bestandsaufnahme - Structural Anomalies - Zirkuläres Bauen neu gedacht

© John Rüstemeier & Dieter Beckert, IKON TU Braunschweig

Scan und Bestandsgrundriss - Structural Anomalies - Zirkuläres Bauen neu gedacht

© John Rüstemeier & Dieter Beckert, IKON TU Braunschweig

Entwurfsvisualisierung Auditorium - Structural Anomalies - Zirkuläres Bauen neu gedacht

© John Rüstemeier & Dieter Beckert, IKON TU Braunschweig

Sprengisometrie Holzverdingung - Structural Anomalies - Zirkuläres Bauen neu gedacht

© John Rüstemeier & Dieter Beckert, IKON TU Braunschweig

Schnittisometrie Konstruktion - Structural Anomalies - Zirkuläres Bauen neu gedacht

© John Rüstemeier & Dieter Beckert, IKON TU Braunschweig

Straßenperspektive Modell 1:100 - Structural Anomalies - Zirkuläres Bauen neu gedacht

© John Rüstemeier & Dieter Beckert, IKON TU Braunschweig

Vorbereitung Altholz - Structural Anomalies - Zirkuläres Bauen neu gedacht

© John Rüstemeier & Dieter Beckert, IKON TU Braunschweig

Scan Altholz, Dieter - Structural Anomalies - Zirkuläres Bauen neu gedacht

© John Rüstemeier & Dieter Beckert, IKON TU Braunschweig

Visuelle Fräspfadanalyse - Structural Anomalies - Zirkuläres Bauen neu gedacht

© John Rüstemeier & Dieter Beckert, IKON TU Braunschweig

Steuerung Roboter, John - Structural Anomalies - Zirkuläres Bauen neu gedacht

© John Rüstemeier & Dieter Beckert, IKON TU Braunschweig

Umgebungsmodell 1:100 - Structural Anomalies - Zirkuläres Bauen neu gedacht

© John Rüstemeier & Dieter Beckert, IKON TU Braunschweig

Diese Objektpräsentation wurde angelegt von: TU Braunschweig, Fakultät 3, Fachbereich Architektur, Dieter Beckert

Basisdaten zum Objekt

Lage des Objektes

Deutschland

Objektkategorie

Objektart

Art der Baumaßnahme

Entwurfskonzept

Fertigstellungstermin

02.2026

Gebäudedaten

Bauweise

Holzhybridbau

Tragwerkskonstruktion

Holz

Anzahl der Vollgeschosse

1-geschossig

Raummaße und Flächen

Bruttorauminhalt

1.290 m³

 

Bruttogrundfläche

570 m²

 

Nutzfläche

500 m²

 

Verkehrsfläche

70 m²

 

Grundstücksgröße

1.145 m²

Beschreibung

Objektbeschreibung

Das 1853 erbaute denkmalgeschützte ehemalige Oberlandesgericht und ursprünglicher Sitz der Braunschweigischen Bank am Bankplatz in Braunschweig befindet sich zurzeit im Umbau. Dabei wird der bestehende Dachstuhl abgerissen und das Gebäude aufgestockt.

Im Rahmen eines Master Entwurfes am Institut für Baukonstruktion (IKON) unter Prof. Dr.-Ing. Helga Blocksdorf fragten wir uns:​ Was wäre, wenn wir bei der Aufstockung bestehende Materialien neu bewerten und so mit dem Altholz des Bestandsdachstuhls als neue Primärstruktur weiter arbeiten. Wenn wir Materialkreisläufe konsequent neu denken und die gebaute Umwelt als ein Rohstofflager verstehen, wird folglich der obsolete bestehende Dachstuhl des Oberlandesgerichts zu unserer urbanen Mine, von der wir einen Teil der Rohstoffe für unseren Entwurf fördern.
Aber warum sollten wir Altholz überhaupt weiter nutzen, wenn es sowieso schon einen positiven CO2-Fußabdruck hat? Bereits 2010 prognostizierten Prof. Dr. Udo Mantau und das weitere Team des Projektes EUwood*, dass der Bedarf an Holz die Kapazitäten europäischer Wälder ab 2030 übersteigen solle. Für uns bedeutet dies im Umkehrschluss:​ Erst wenn wir Holz durchschnittlich so lange nutzen, wie Wälder benötigen um neues Holz zu produzieren, ist der Rohstoff wirklich regenerativ. Ein möglicher Weg um das zu erreichen, wäre Bauholz mehrfach zu nutzen, so wie es vor unserer heutigen „Wegwerfökonomie“ gängige Praxis war. Als Grundlage für unseren Entwurf haben wir den Dachstuhl mithilfe eines Scans analysiert und katalogisiert. Mit diesen Ergebnissen und unseren Vorstellungen für diesen Ort im Kopf, loteten wir nun die uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten aus.
In unserem Entwurf soll das Dach zum öffentlichen Raum werden, den Menschen ihre Stadt, ihr „Recht auf Dach“, zurückgeben und Platz für konsumfreie Orte und Veranstaltungen in einem Teil des Zentrums Braunschweigs bieten, wo diese heute Mangelware sind.

Der Entwurf kann im Grunde als ein Umsortieren der Bestandshölzer verstanden werden. Den Auftakt bildet ein Gemeinschaftskaffee, angeschlossen am denkmalgeschützten Bestandstreppenhaus. Diese bereits vorhandenen Räume weisen passende Qualitäten auf:​ Durch minimale Eingriffe und eine energetische Ertüchtigung der thermischen Hülle, lassen sich hier neue räumliche Qualitäten generieren. Den restlichen Teil der Bestandsstruktur mit einer nicht nutzbaren Deckenhöhe lösen wir auf. Zurück bleibt eine offene Begegnungsfläche, die den Auftakt zum Herzen unseres Entwurfes bildet:​ Ein stützfreies Auditorium mit angeschlossener Aussichtsplattform in Blickbeziehung zur Stadt.

Die Frage war nun:​ welches Bestandsholz kommt an welche Stelle im Entwurf? Um das präzise sagen zu können, haben wir uns ein Werkzeug gebaut:​ Ein Grasshopper-Script liest den Bauteilkatalog des Bestandes, sowie den Bauteilkatalog des gewünschten Entwurfes, gleicht die Einzelteile beider mithilfe eines Python-Codes ab und findet die effizienteste Zuordnung für jedes Holz. So können wir genau bestimmen, welcher Träger im Entwurf aus welcher Sparre des Bestandes gefertigt wird und an welchen Stellen es sinnvoll ist, auf neues Holz zurückzugreifen. Außerdem hilft uns ein digitaler und roboterunterstützter Workflow bei der Weiternutzung des Altholzes. Ein im Robotic Timber Studio des IKON mit dem UR-20 hergestellter 1:​1 Knotenpunkt unseres Entwurfs zeigt die Symbiose von Altholz, hier testweise Eichenholz aus einer ehemaligen Fachwerk-Scheune, und neuer Fichte.

Mit diesem Beitrag versuchen wir den Diskurs um nachhaltige Materialkreisläufe zu verfeinern. Ein behutsamer Umgang mit dem Bestand, setzt eine konsequente Bewertung seines bereits vorhandenen Potenzials voraus. Ergänzungen sollen wohl durchdacht werden, um so den Einsatz neuer Materialien möglichst präzise festlegen zu können. Traditioneller Handwerk und zeitgenössische digitale Werkzeuge gehen dabei für uns Hand in Hand.


*U. Mantau, R. Jonsson, F. Steierer, EUwood - Real potential for
changes in growth and use of EU forests. Hamburg/Germany,
2010:​ 33–45. https:​// doi. org/ 10. 13140/2. 1. 3372. 0642.

Beschreibung der Besonderheiten

Urbane Mine statt Abriss
Der obsolete Dachstuhl wird nicht entsorgt, sondern als Rohstoffquelle begriffen – das Gebäude selbst wird zur „urbanen Mine". Altholz aus dem Bestandsdachstuhl dient als Primärstruktur der Aufstockung.

Konsequentes Weiterdenken von Materialkreisläufen
Das Projekt stellt die gängige Praxis infrage, Holz nach einmaliger Nutzung zu entsorgen. Erst wenn Bauholz so lange genutzt wird, wie Wälder zur Reproduktion benötigen, ist der Rohstoff wirklich regenerativ – Mehrfachnutzung als Antwort auf eine absehbare Holzknappheit.

Digitales Matching-Werkzeug
Ein eigens entwickeltes Grasshopper-Script liest den Bauteilkatalog des Bestandes und des Entwurfs aus und gleicht beide mithilfe eines Python-Codes ab – so lässt sich präzise bestimmen, welcher Träger im Neubau aus welcher Bestandssparren gefertigt wird und wo neues Holz tatsächlich notwendig ist.

Robotergestützter Workflow
Die Weiterverarbeitung des Altholzes wird durch einen digitalen und robotergestützten Prozess unterstützt. Ein im Robotic Timber Studio (IKON) mit dem UR-20 gefertigter 1:​1-Knotenpunkt demonstriert die Symbiose aus Altholz (hier Eiche aus einer ehemaligen Fachwerkscheune) und neuer Fichte.

Recht auf Dach
Programmatisch wird das Dach zum öffentlichen Raum:​ Ein stützenfreies Auditorium, eine Aussichtsplattform mit Stadtbezug und konsumfreie Begegnungsflächen geben den Menschen einen Teil des Braunschweiger Zentrums zurück – in einem Bereich, in dem solche Orte heute fehlen.
Minimale Eingriffe im Bestand
Ein bestehender Teil des Gebäudes wird durch minimale Eingriffe und energetische Ertüchtigung der thermischen Hülle aktiviert, ohne seinen Charakter zu zerstören.

Nachhaltigkeit

Der stärkste Bezug besteht zur Cradle-to-Cradle-Philosophie. Das Grundprinzip, die gebaute Umwelt als Rohstofflager zu verstehen und Materialien konsequent im Kreislauf zu halten, entspricht dem technischen Nährstoffkreislauf des C2C-Gedankens. Altholz aus dem Bestandsdachstuhl wird nicht deponiert oder thermisch verwertet, sondern als Primärstruktur in einen neuen Nutzungszyklus überführt. Der Einsatz des digitalen Matching-Werkzeugs, das jedem Bestandsbauteil eine präzise neue Verwendung zuweist, verstärkt diesen Ansatz:​ Es geht nicht um symbolische Wiederverwendung, sondern um eine rechnerisch optimierte Rückführung von Materialien in den Baukreislauf.

Deutliche Züge trägt das Projekt auch im Sinne der Suffizienz. Es wird nicht mehr gebaut als nötig:​ Vorhandene Räume werden durch minimale Eingriffe aktiviert, neues Material nur dort eingesetzt, wo der Bestand nachweislich nicht ausreicht. Das Auditorium entsteht nicht durch Hinzufügen neuer Struktur, sondern durch das gezielte Herausnehmen von Bestandsbauteilen – ein subtraktiver statt additiver Entwurfsansatz. Auch das Programm selbst folgt einem suffizienten Gedanken:​ konsumfreie Orte statt kommerzielle Nutzung, Begegnung statt Konsum.

Elemente der Effizienz finden sich vor allem im digitalen Workflow. Das Grasshopper-Script mit Python-Abgleich optimiert die Zuordnung von Bestandsmaterial zu Entwurfsbauteilen und minimiert dabei Verschnitt und Überproduktion. Auch der robotergestützte Fertigungsprozess zielt auf eine präzise, ressourcenschonende Verarbeitung des Altholzes. Effizienz wird hier jedoch nicht als Selbstzweck verfolgt, sondern als Werkzeug im Dienst des übergeordneten Kreislaufgedankens.

Die Strategie der Konsistenz, also der Ausrichtung von Materialien und Prozessen an natürlichen Kreisläufen, wird im Entwurf konsequent mitgedacht:​ Wie die konstruktive Schnittisometrie zeigt, wurde bei der Materialzusammensetzung bewusst auf biologisch abbaubare Verbindungsmittel geachtet, und die Aufstockung ist vollständig rückbaubar konzipiert. Holz als nachwachsender Rohstoff ist per se ein konsistentes Material – und in Verbindung mit lösbaren, biologisch verträglichen Fügungen schließt sich der Kreislauf auch auf der Ebene der Materialgesundheit und der definierten Rückführung in natürliche Stoffkreisläufe. Das Argument der Regenerativität, wonach Holz erst dann wirklich regenerativ ist, wenn es so lange genutzt wird, wie Wälder zur Reproduktion benötigen, erhält durch diese konstruktive Haltung seine logische Fortsetzung:​ Am Ende des zweiten Nutzungszyklus kann das Material erneut sortenrein getrennt, weitergenutzt oder in biologische Kreisläufe zurückgeführt werden.

Schlagworte

Holzbau, Digitale Baustelle, Roboter, Digitale Bauaufnahme, Zirkuläres Bauen, Aufstockung, Dritte Orte, Forschung, TU Braunschweig, Urban Mining

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