Heinze ArchitekturAWARD 2026: Teilnehmer
Wertstofffassade
87437 Kempten, Dieselstraße 9
Diese Objektpräsentation wurde angelegt von: supertecture gUG
Basisdaten zum Objekt
Lage des Objektes
Dieselstraße 9, 87437 Kempten, Deutschland
Objektkategorie
Objektart
Art der Baumaßnahme
Sanierung / Modernisierung
Fertigstellungstermin
06.2026
Zeichnungen und Unterlagen
Projektbeteiligte Firmen und Personen
Verwendete Produkte
Gebäudedaten
Bauweise
Holzbau
Tragwerkskonstruktion
Stahlbeton
Anzahl der Vollgeschosse
3- bis 5-geschossig
Lage und Umgebung
Beschreibung
Objektbeschreibung
Die Bauaufgabe bestand darin, die bestehende Gebäudehülle energetisch und gestalterisch zu erneuern und gleichzeitig eine ressourcenschonende, wirtschaftliche und regional verankerte Sanierungsstrategie zu entwickeln. Anstelle einer konventionellen Fassadenbekleidung wurde untersucht, ob taugliche Holzbauteile, die an Allgäuer Wertstoffhöfen als Materialspende für eine Nachnutzung separat angenommen werden, als Fassadenmaterial eingesetzt werden können.
Dazu wurde ein projektspezifischer Prüf- und Auswahlprozess aufgebaut. Gemeinsam mit Fachleuten aus Holzbau, Schreinerei, Brandschutz, Statik, Abfallrecht und Materialbewertung wurden die gesammelten Hölzer auf Fassadentauglichkeit, Dauerhaftigkeit, Bearbeitbarkeit, Störstoffe, Altholzkategorie, Wirtschaftlichkeit und baurechtliche Anforderungen untersucht. Entscheidend war dabei die Annahme geeigneter Vollholzmaterialien vor dem Einwurf in den Abfallcontainer. Das Material wurde somit nicht als Abfall behandelt, sondern durch Vorsortierung, Prüfung und gezielte Annahme als Materialspende vor dem Abfallstatus bewahrt.
Die Lösung ist eine neue, gedämmte Holzfassade mit regional gewonnenen Bauteilen mit vorheriger Nutzung. Vor einer neuen Holzweichfaserdämmung wurden unterschiedlich breite, starke, lange und farbige Holzbauteile in vertikalen Streifen an der rund 6,60 Meter hohen Fassade montiert. Die Unterschiedlichkeit der Elemente bleibt bewusst ablesbar und macht die Herkunft des Materials zum gestalterischen Prinzip. Gleichzeitig wurde die Markenfarbe Grün des Bauherrn aufgenommen: Grüngelbliche Holzanteile aus den Fundstücken prägen die Hauptfassade und verbinden die Materialgeschichte mit der Identität des ZAK.
Das Ergebnis ist eine Fassadensanierung, die über die reine Gebäudehülle hinausweist. Sie zeigt, wie kommunale Wertstoffhöfe künftig nicht nur Orte der Entsorgung, sondern auch regionale Sammel- und Prüfstrukturen für erneut nutzbare Baustoffe sein können. Das Projekt ist damit Sanierungsmaßnahme, Reallabor und gebautes Statement zugleich: für Ressourcenschutz, für zirkuläres Bauen im Bestand und für die Weiterentwicklung der Abfallwirtschaft zur Infrastruktur einer Kreislaufgesellschaft.
Beschreibung der Besonderheiten
Ausgangspunkt war die Analyse eines 40-m³-Altholzcontainers am Wertstoffhof Kempten-Unterwang. Das Material wurde in potenziell geeignete Vollholzbauteile und ungeeignete Materialien wie Spanplatten oder Verbundwerkstoffe sortiert. Die Auswertung zeigte, dass rund 15 Prozent des gesammelten Materials grundsätzlich für eine Nachnutzung als nichttragende Bekleidungselemente an Fassaden, Balkonen oder Zäunen geeignet sein könnten. Ziel ist die Verlängerung der Nutzungsdauer, bevor das Holz thermisch verwertet und der gespeicherte Kohlenstoff freigesetzt wird.
Im Austausch mit Fachkräften aus Holzbau, Schreinerei, Planung und Materialbewertung wurden Kriterien für die Materialauswahl entwickelt: Holzart, Abmessungen, Materialstärke, Zustand, Bearbeitbarkeit, Störstoffe, Dauerhaftigkeit und optische Eignung. Aus einem unsortierten Stoffstrom entstand so ein qualifizierbarer Materialpool.
Für das Pilotprojekt wurde an drei Kemptener Wertstoffhöfen eine eigene Sammelstruktur aufgebaut. Geeignete Vollholzbauteile wurden separat als Materialspende für eine Nachnutzung angenommen, abgeholt, gesichtet und geringfügig bearbeitet; Nägel, Schrauben und Beschläge wurden entfernt. Damit wurde eine praktische Prozesskette vom Wertstoffhof bis zur Fassade erprobt.
Ein Bauteilkatalog erfasste die verfügbaren Hölzer nach Abmessungen, Stärke, Menge, Zustand und optischen Merkmalen. So wurde das heterogene Material planbar und konkreten Fassadenbereichen zugeordnet. Ein gemeinsam entwickelter Prototyp prüfte technische Vorgehensweise, Montageabläufe und gestalterische Wirkung.
Das Projekt versteht sich als praktische Antwort auf eine zentrale Aufgabe unserer Zeit: Die lineare Wirtschaftsweise muss überwunden werden. Strategiepapiere und gesetzliche Rahmenwerke wie das Kreislaufwirtschaftsgesetz und die Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie zeigen die Notwendigkeit eines kreislaufgerechten Umgangs mit Ressourcen bereits deutlich auf. Jetzt gilt es, die dafür erforderlichen Strukturen konkret aufzubauen.
Genau hier setzt das Projekt an. Es liefert über die einzelne Fassade hinaus Erkenntnisse für eine skalierbare Infrastruktur der Bauteilwiederverwendung. Es zeigt, wie Wertstoffhöfe zu regionalen Sammel-, Prüf- und Bereitstellungsorten für erneut nutzbare Baustoffe werden können – und wie Abfallwirtschaft zur Infrastruktur einer Kreislaufgesellschaft weiterentwickelt werden kann.
Nachhaltigkeit
Das Projekt verbindet Effizienz, Suffizienz und Konsistenz: Es nutzt vorhandene Ressourcen, reduziert den Bedarf an Primärmaterial und verzichtet bewusst auf ein normiertes Neumaterial-Erscheinungsbild. Die Unterschiedlichkeit der Holzbauteile wird nicht kaschiert, sondern als gestalterische Qualität sichtbar gemacht.
Nach Bauteilkatalog wurden rund 1.700 kg Holz verbaut. Der darin gebundene Kohlenstoff bleibt über die verlängerte Nutzungsdauer gespeichert; nach Projektberechnung entspricht dies rund 6,23 Tonnen CO₂. Gleichzeitig wird die sofortige thermische Verwertung und damit die Freisetzung des gespeicherten Kohlenstoffs vermieden.
Die Fassade reagiert auf einen typischen Materialstrom: Werden etwa Holzterrassen ersetzt, sind oft nur einzelne Dielen schadhaft, während große Teile weiter nutzbar sind. Solche Bauteile erhalten hier eine zweite bauliche Funktion. Aus vermeintlichem Restmaterial wird ein sichtbarer Sekundärbaustoff.
Durch ihre öffentliche Sichtbarkeit wirkt die Fassade über das Gebäude hinaus. Sie zeigt anschaulich, dass Ressourcenschonung architektonisch, regional und wirtschaftlich umsetzbar ist. Die begleitende Sammelstruktur an den Wertstoffhöfen verstärkt diesen Effekt: Bürgerinnen und Bürger kommen direkt mit zirkulären Konzepten in Kontakt und können durch Materialspenden Teil des Kreislaufs werden.
Auch im Betrieb ist die Fassade ressourcenschonend angelegt. Durch die vertikale Gliederung und den Patchwork-Charakter können einzelne Bauteillinien bedarfsgerecht ersetzt werden, ohne die gesamte Fläche zu erneuern.
Das Projekt erprobt damit eine übertragbare Infrastruktur: regionale Sammel-, Prüf- und Bereitstellungsstrukturen, die künftig Bürgerinnen, Bürgern, Handwerk und Bauherrschaften den Zugang zu wieder nutzbaren Baustoffen ermöglichen und Materialien möglichst lange in hochwertiger Nutzung halten.
Auszeichnungen
noch keine / gerade erst fertiggestellt
Schlagworte
Energetische Kennwerte
Energiestandard
Energetische Kennwerte
Primärenergie
Sonstige Heizenergie
Sekundärenergie
Sonstige Heizenergie
Objektdetails
Gebäudespezifische Merkmale
Anzahl Arbeitsplätze
20
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