Heinze ArchitekturAWARD 2026: Teilnehmer
Social Cultivator – Transformation einer automatischen Hochgarage in Sao Paulo
Diese Objektpräsentation wurde angelegt von: Technische Universität München, School of Engineering and Design, David Lachermeier
Basisdaten zum Objekt
Lage des Objektes
Brasilien
Objektkategorie
Objektart
Art der Baumaßnahme
Entwurfskonzept
Fertigstellungstermin
10.2025
Zeichnungen und Unterlagen
Gebäudedaten
Bauweise
Stahlbetonbau
Tragwerkskonstruktion
Stahlbeton
Anzahl der Vollgeschosse
mehr als 20 Geschosse
Beschreibung
Objektbeschreibung
Zwischen 1960 und 1980 entstanden im rasant wachsenden São Paulo mehr als 35 automatische Hochgaragen, die „Garagens Automáticas". Sie waren die Antwort auf einen wachsenden Parkplatzmangel und wurden durch Ausnahmeregelungen bei Steuer und Geschossflächenzahl begünstigt. Mit bis zu 38 Geschossen und 600 Stellplätzen überragen sie bis heute historische Denkmäler und sind damit längst selbst Teil des baugeschichtlichen Gedächtnisses der Stadt.
Heute stehen sie als Relikte einer autozentrierten Stadtplanung, unter deren Folgen São Paulo nach wie vor leidet: Stau, Luftverschmutzung, Lärm. Viadukte zerschneiden Wohngebiete, schaffen unter ihnen Parallelwelten und verhindern eine angenehme Fortbewegung zu Fuß oder mit dem Rad. Die Hochgaragen sind damit auch ein Sinnbild für eine Stadt, in der Mobilität die soziale Ungleichheit verschärft.
Ein Blick ins Innere zeigt, dass der menschliche Maßstab im Funktionsprinzip der Garagentürme nicht existiert. Über eine vertikale Aufzugsplattform werden die Fahrzeuge in den oberen Geschossen vorwärts oder rückwärts abgestellt – früher geschah dies vollautomatisch, heute durch einen Parkwächter. Der zentrale Schacht besitzt weder Absturzsicherung noch Treppen. Wenige Lichtschlitze sorgen für ein Minimum an Licht und Luft. Errichtet wurden die Bauten als Ortbetonskelett, dessen mächtige Hauptträger in Parkrichtung spannen. Die geringe Raumhöhe von rund zwei Metern und die streng lineare Konstruktionslogik erschweren jede Umnutzung: Eine andere Bewegungsrichtung als die zum und vom Aufzug war schlicht nicht vorgesehen.
Der theoretische Teil der Arbeit untersucht die Hochgaragen typologisch und konstruktiv und kartiert sie erstmals. Wie im Schwarzplan ersichtlich, bilden sie einen Ring um das historische Zentrum. Sie sind teils noch in Betrieb, teils leer oder werden teils provisorisch als Lagerflächen genutzt. Die Bestandsaufnahme macht das räumliche Potenzial der Bauten im historischen Zentrum São Paulos sichtbar, das sich ohnehin in einem grundlegenden Transformationsprozess befindet.
Kontext: Soziale Ungleichheit
Das Stadtzentrum zeigt nämlich eine hohe soziale Vulnerabilität: Obdachlosigkeit, Menschen in äußerst prekären Lebenslagen, durch die Pandemie zusätzlich verschärft — und das in unmittelbarer Nähe vieler leerstehender Gebäude und Hochgaragen. In Brasilien, einem der größten Agrarproduzenten der Welt, haben 20 % der Brasilianer:innen keinen gesicherten Zugang zu ausreichender Nahrung. Lebensmittel werden über hunderte Kilometer ins Zentrum transportiert und erzeugen Schwerverkehr, während genau dort infrastrukturelle Gebäude in bester Lage leer stehen.
Am Praça Fernando Costa ist die soziale Vulnerabilität besonders sichtbar. An strategischer Position zwischen dem Kanal Tamanduateí, dem größten innerstädtischen Busterminal São Paulos, dem Marktviertel und dem historischen Zentrum, steht eine 32-geschossige Hochgarage. Eine sehr hohe Frequenz von Arbeiter:innen, die vom Busterminal kommen und in die umliegenden Viertel strömen treffen dort auf eine äußerst geringe Aufenthaltsqualität.
Social Cultivator
„Marmita" nennen die Brasilianer:innen ihre Plastikbox mit vorbereitetem Essen. Für viele, die täglich über zwei Stunden von der Peripherie in die Stadt und zurück pendeln, ist eine warme Mahlzeit am Mittag oder Abend ein Luxus. Das betrifft auch jene, die im vernachlässigten öffentlichen Raum leben.
Die Garagentürme bieten sich an, als soziale Infrastrukturen den öffentlichen Raum zu erweitern und ihn je nach Standort um sinnvolle Funktionen zu ergänzen. Am Beispiel der "P25" wird gezeigt, dass urbane Lebensmittelproduktion in bestehenden Strukturen stattfinden kann – und dass durch gezielte Eingriffe in den Bestand zugleich eine hohe Aufenthaltsqualität und neue konsumfreie Räume entstehen können.
Das grundfeuchte tropische Klima und die stabilen Temperaturen bieten ideale Bedingungen für die Pilzkultur: eine proteinreiche, flächeneffiziente Lebensmittelproduktion, die mitten in der Großstadt stattfinden kann und weite Transportwege vermeidet. Im Zusammenspiel mit den übrigen Funktionen wird so aus einer Park-Maschine ein Social Cultivator — eine Maschine, die Pilze und Gemeinschaft kultiviert.
Architektonische Eingriffe
Das überdimensionierte Stahlbetonskelett wird durch das gezielte Entfernen einzelner Träger und Decken geöffnet. Entlang des ehemaligen Aufzugsschachts entstehen drei große, geschossübergreifende Raumfolgen: Essen – Lernen – Genießen.
Eine durchgehende Rampe verbindet vom Erdgeschoss bis zur öffentlichen Dachterrasse alle Ebenen und gibt der Maschine wieder einen menschlichen Maßstab und Schrittgeschwindigkeit. Dabei gibt sie selbst den Rhythmus vor: In den Regelgeschossen flacher und an den großen Räumen mündet die Rampe in Stadtbalkone mit Blick auf die "historische" Altstadt.
Der ehemalige Aufzugsschacht wird zum Solarkamin: Er belüftet die geschlossenen Innenräume passiv, dauerhaft gespeist durch die warme Abluft von Küche und Produktion, und stiftet zugleich visuelle Bezüge über die Geschosse hinweg. Einer der alten Autoaufzüge bleibt erhalten und dient künftig als Lasten- und Personenaufzug. Die zusätzliche Erschließung (Fluchttreppen und weitere Aufzüge) wird außen am Bau platziert. Die beiden Fassaden zur Nachbarbebauung bleiben als Brandwände geschlossen und bieten sich für großflächige gemeinschaftliche Bemalung an, wie sie in São Paulo häufig zu sehen ist. Die übrigen Seiten öffnen sich vollständig zur Stadt und sind teils mit brasilianischen Cobogós verkleidet, die zugleich als Sonnenschutz dienen.
Die Eingangshalle verbindet Busterminal und historisches Zentrum und überdacht zugleich die Straßenmärkte. Die darüberliegende Mensa bietet frisches, günstiges Essen in einem großzügigen Raum und lockt durch den frischen Essensgeruch die Besucher:innen über die Rampe das Gebäude zu entdecken.
Auf den mittleren Ebenen bilden Pilzproduktion und Küche einen geschlossenen Kreislauf: Abwärme und Feuchtigkeit der Küchenabluft fließen direkt in die Kultivierung. Darüber liegen Werkstätten, Lernorte und Veranstaltungsflächen sowie Arzt- und Ernährungspsychologiepraxen rund um das Thema Ernährung mit direktem Sichtbezug zur Produktion. Den Abschluss bilden Sport, Kultur und ein öffentliches Dachkino.
Der robuste und industrielle Charakter der alten Garage bleibt erhalten und wird zur Bühne für die gemeinschaftlichen Nutzungen. Die freigelegten Strukturen, die rauen Oberflächen, die Spuren einer anderen Zeit bleiben sichtbar: als Zeugnis des Scheiterns der autogerechten Stadt und zugleich als Träger von etwas Neuem. Neue Rampen, Geländer und Fassadenelemente werten den Bau zeitgemäß auf und machen ihn zu einer erlebbaren Struktur und Raumabfolge, die jene sichere dritte Orte bietet, die in São Paulo selten zu finden sind.
Netzwerk
Weitere Hochgaragen werden Teil dieses Lebensmittel-Netzwerks ("Urban Food Network"): durch weitere Anbauflächen, Essensausgaben und soziale Infrastrukturen, die dem jeweiligen Ort angemessen sind und die vorhandene Infrastukturen sinnvoll ergänzen. Gemeinsam leisten sie so einen großen Beitrag zur Revitalisierung des Stadtzentrums.
Die Maschine, einst allein für das Auto gedacht, wird zu einer menschlichen Maschine und so zu einem neuen Motor für die Stadt.
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