Architekturobjekte

Heinze ArchitekturAWARD 2026: Teilnehmer


Safe Space - Eine Planungshilfe und -anwendung zur Realisierung von Schutzräumen für Frauen*, Kinder und TIN-Personen

Diese Objektpräsentation wurde angelegt von: Universität Stuttgart, Fakultät für Architektur und Stadtplanung, Katharina Plankar

Hof - Safe Space - Eine Planungshilfe und -anwendung zur Realisierung von Schutzräumen für Frauen*, Kinder und TIN-Personen

© Bàrbara Mendonca, Katharina Plankar

Planungshilfe - Safe Space - Eine Planungshilfe und -anwendung zur Realisierung von Schutzräumen für Frauen*, Kinder und TIN-Personen

© Bàrbara Mendonca, Katharina Plankar

Aussenperspektive - Safe Space - Eine Planungshilfe und -anwendung zur Realisierung von Schutzräumen für Frauen*, Kinder und TIN-Personen

© Bàrbara Mendonca, Katharina Plankar

Mehrzwecksaal - Safe Space - Eine Planungshilfe und -anwendung zur Realisierung von Schutzräumen für Frauen*, Kinder und TIN-Personen

© Bàrbara Mendonca, Katharina Plankar

Laubengang - Safe Space - Eine Planungshilfe und -anwendung zur Realisierung von Schutzräumen für Frauen*, Kinder und TIN-Personen

© Bàrbara Mendonca, Katharina Plankar

Wohnzimmer - Safe Space - Eine Planungshilfe und -anwendung zur Realisierung von Schutzräumen für Frauen*, Kinder und TIN-Personen

© Bàrbara Mendonca, Katharina Plankar

Grottenraum - Safe Space - Eine Planungshilfe und -anwendung zur Realisierung von Schutzräumen für Frauen*, Kinder und TIN-Personen

© Bàrbara Mendonca, Katharina Plankar

Schlafzimmer - Safe Space - Eine Planungshilfe und -anwendung zur Realisierung von Schutzräumen für Frauen*, Kinder und TIN-Personen

© Bàrbara Mendonca, Katharina Plankar

Städtebauliches Umgebungsmodell - Safe Space - Eine Planungshilfe und -anwendung zur Realisierung von Schutzräumen für Frauen*, Kinder und TIN-Personen

© Bàrbara Mendonca, Katharina Plankar

Historische Entwicklung des Wunderbaus - Safe Space - Eine Planungshilfe und -anwendung zur Realisierung von Schutzräumen für Frauen*, Kinder und TIN-Personen

© Bàrbara Mendonca, Katharina Plankar

Gesamtmodell des Wunderbaus - Safe Space - Eine Planungshilfe und -anwendung zur Realisierung von Schutzräumen für Frauen*, Kinder und TIN-Personen

© Bàrbara Mendonca, Katharina Plankar

Modell einer Wohnung - Safe Space - Eine Planungshilfe und -anwendung zur Realisierung von Schutzräumen für Frauen*, Kinder und TIN-Personen

© Bàrbara Mendonca, Katharina Plankar

Diese Objektpräsentation wurde angelegt von: Universität Stuttgart, Fakultät für Architektur und Stadtplanung, Katharina Plankar

Basisdaten zum Objekt

Lage des Objektes

Deutschland

Objektkategorie

Objektart

Art der Baumaßnahme

Entwurfskonzept

Fertigstellungstermin

05.2026

Gebäudedaten

Bauweise

Mauerwerksbau

Tragwerkskonstruktion

Ziegelmauerwerk

Anzahl der Vollgeschosse

3- bis 5-geschossig

Beschreibung

Objektbeschreibung

Gewalt gegen Frauen* und Mädchen ist ein weltweites und strukturelles Problem. Etwa jede dritte Frau* erlebt im Laufe ihres Lebens körperliche oder sexualisierte Gewalt. Die Täter sind meist Männer, häufig aktuelle oder ehemalige Partner. Die Ursachen liegen in patriarchalen Machtverhältnissen und gesellschaftlichen Ungleichheiten, die Frauen* unabhängig von Alter, Herkunft oder sozialem Hintergrund betreffen.
Geschlechtsspezifische Gewalt tritt in unterschiedlichen Formen auf und reicht von verbalen Anfeindungen, Bedrohungen und digitaler Gewalt bis hin zu schwerer körperlicher Gewalt. Die extremste Form ist der Femizid, also die Tötung von Frauen* aufgrund ihres Geschlechts. Entgegen verbreiteter Annahmen findet Gewalt gegen Frauen* überwiegend im privaten Umfeld und nicht im öffentlichen Raum statt.
Auch in Deutschland ist die Situation weiterhin alarmierend. Alle drei Minuten wird eine Frau Opfer häuslicher Gewalt, fast jeden Tag kommt es zu einem Femizid. Obwohl rechtliche Instrumente wie die Istanbul-Konvention und das Gewaltschutzgesetz bestehen, suchen viele Betroffene aus Angst oder Abhängigkeit keine Hilfe. Dies verdeutlicht, dass Gewalt gegen Frauen* nicht nur ein individuelles, sondern ein tief in gesellschaftlichen Strukturen verankertes Problem ist.
Im Rahmen unserer Recherche führten wir sieben Interviews mit Frauenhäusern in ganz Deutschland sowie zwei Vor-Ort-Besuche durch, um Einblicke in ihre räumlichen und organisatorischen Strukturen zu gewinnen. Da Frauenhäuser architektonisch kaum dokumentiert sind und keine klare Typologie besitzen, waren diese Gespräche besonders aufschlussreich. Der Austausch mit dem Frauenhaus in Wuppertal lieferte schließlich den Impuls für unseren Entwurf. Die geplante Erweiterung um einen zweiten, offen konzipierten Standort veranlasste uns, Wuppertal in der zweiten Projektphase städtebaulich genauer zu untersuchen.

Unsere Wahl fiel auf den Wunderbau, der 1754 vom Weinhändler Peter von Heydt errichtet wurde heute zu den ältesten erhaltenen Steinbauten Wuppertals sowie zu den wenigen verbliebenen spätbarocken Bürgerhäusern der Stadt zählt. Als eines der ersten profanen Gebäude in Massivbauweise stellte er in einer von Fachwerkhäusern geprägten Stadt eine architektonische Besonderheit dar. Das Gebäude vereinte Wohnen, Arbeiten und Repräsentation und war durch eine klare hierarchische Raumorganisation geprägt. Besonders prägend waren die massiven Bruchsteinmauern, der tonnengewölbte Weinkeller sowie die enge räumliche Beziehung zwischen Haus, terrassierter Gartenanlage und Felslandschaft. Nach zahlreichen Umbauten im 19. Jahrhundert wurde der Wunderbau im Zweiten Weltkrieg stark zerstört und in den 1960er Jahren vereinfacht wiederaufgebaut. Für unseren Entwurf waren insbesondere die robuste Bauweise, die räumliche Differenzierung zwischen öffentlichen und privaten Bereichen sowie die Verzahnung von Gebäude, Garten und Topografie von besonderem Interesse.

Seit dem Wiederaufbau in den 1960er Jahren wurde der Wunderbau nur geringfügig verändert und entspricht heute in mehreren Bereichen nicht mehr den aktuellen Anforderungen. Neben baulichen Defiziten, wie einer fehlenden barrierefreien Erschließung und Undichtigkeiten an Dach- und Terrassenflächen, plant die Kirchengemeinde aufgrund veränderter Nutzungsansprüche den Verkauf des Gebäudes. Trotz dieser Ausgangslage sehen wir großes Potenzial für eine Umnutzung als Frauen*haus. Die bestehende Gebäudestruktur ermöglicht durch ihre differenzierten Zugänge abgestufte Übergänge zwischen öffentlichen, gemeinschaftlichen und privaten Bereichen. Besonders der geschützte Freibereich im rückwärtigen Grundstücksteil sowie die veränderbare Nordfassade bieten räumliche Qualitäten und Entwicklungsmöglichkeiten. Darüber hinaus ist der Standort durch die Nähe zur Schwebebahn und zur Haltestelle Landgericht hervorragend an den öffentlichen Stadtraum angebunden.

Unser Entwurf ergänzt den historischen Wunderbau um einen neuen Dachabschluss, der sich als zeitgenössische Zeitschicht klar ablesen lässt und zugleich die ursprüngliche Kubatur des ehemaligen Mansarddachs interpretiert. Die Aufstockung besteht aus einem Vollgeschoss und einem zurückgesetzten Staffelgeschoss, wodurch das historische Volumen in moderner Form neu gedacht und hochwertiger Wohnraum geschaffen wird. Dabei orientiert sich der Entwurf konsequent an der Logik des Bestands und greift dessen Materialität auf, indem der Stein für die neuen Bauteile aus dem gleichen Steinbruch hinter dem Gebäude gewonnen wird. Ausgangspunkt ist zudem die historische Grotten- und Felslandschaft, deren räumliche Qualitäten in eine zeitgenössische Architektur übersetzt werden. So entsteht eine Architektur, die den Übergang zwischen natürlichem Fels und gebautem Raum bewusst inszeniert und die enge Beziehung von Gebäude, Material und Topografie weiterführt.

Der Innenhof bildet das Herzstück des Hauses und fungiert als geschützter, introvertierter Gemeinschaftsraum. Gefasst vom Laubengang, den Nebengebäuden und dem freiliegenden Steinfels entsteht trotz der dichten städtischen Lage ein Ort des Rückzugs mit einer beinahe grottenartigen Atmosphäre. Vegetation, Topografie und Architektur greifen dabei ineinander und schaffen einen geschützten Außenraum mit hoher Aufenthaltsqualität. Eine pergolaartige Struktur ergänzt den Hof als überdachten Aufenthaltsbereich und erweitert die gemeinschaftlich nutzbaren Freiräume.
Der Mehrzwecksaal befindet sich im ehemaligen Weinkeller des Wunderbaus und wird als offener Gemeinschaftsraum neu interpretiert. Durch den Rückbau bestehender Einbauten und die direkte Anbindung an Hof und Garten entstehen fließende Übergänge zwischen Innen- und Außenraum. Der Saal dient sowohl als Bewegungs- und Spielraum für Kinder als auch für gemeinschaftliche Aktivitäten, Feste und kulturelle Veranstaltungen. Ein separater Zugang ermöglicht zudem eine unabhängige Nutzung und temporäre Vermietung, wodurch der Raum auch zur Finanzierung der Einrichtung beitragen kann.
In der Weiterentwicklung der Nebengebäude wird das Verhältnis von Architektur und Natur neu interpretiert. Die Aufstockung des westlichen Anbaus orientiert sich an historischen Gebäudezuständen, während der Laubengang über dem östlichen Nebengebäude als räumlicher Abschluss der terrassierten Gartenlandschaft weitergeführt wird. Eine zentrale Entwurfsidee ist dabei der sichtbare Übergang vom natürlichen Fels zum gebauten Raum, der den Prozess des Weiterbauens und der Materialtransformation räumlich erfahrbar macht.
Im ersten Obergeschoss befinden sich die gemeinschaftlichen Bereiche des Frauen*hauses. Gemeinschaft wird hier als wichtiger Gegenpol zu Isolation verstanden und schafft Räume für Begegnung, Austausch und gegenseitige Unterstützung. Kochen, Essen, Wohnen und Hauswirtschaft werden in einem offenen, zusammenhängenden Bereich gebündelt, der unterschiedliche Formen des Zusammenlebens ermöglicht. Über die Westterrasse und den Laubengang erschlossen, bildet dieser Bereich einen zentralen Knotenpunkt des Hauses. Ergänzt wird er durch einen Kinder- und Jugendraum sowie durch den Therapiebereich an der Ostterrasse mit einem angeschlossenen Pausenraum.
Die Fassadengestaltung übersetzt das ursprüngliche barocke Entwurfsprinzip des Wunderbaus in eine zeitgenössische Architektursprache. Ausgehend von der historischen Konstruktion eines aufgesetzten Mansarddachs in Holzbauweise wird die Idee des Weiterbauens mit dem lokalen Stein neu interpretiert. Dabei entwickelt sich aus der Fassadenlogik des Bestands eine kolonnadenartige Struktur aus steinernen Stützen, die die Massivität der Wand auflöst und die konstruktiven Schichten des Gebäudes sichtbar macht. Hinter dieser vorgelagerten Struktur befindet sich eine zurückgesetzte Gebäudehülle aus verschiebbaren Holzfenstern mit integrierten Lamellen, die als Sonnen- und Sichtschutz dienen und eine vermittelnde Pufferzone zwischen Wohnraum und Außenraum schaffen. Dadurch werden Einblicke von außen gezielt gefiltert, während die Ausblicke aus den Wohnungen erhalten bleiben. Konstruktiv stützen sich die neuen Eingriffe auf eine Kombination aus Holztragwerk und den massiven Außenmauern des historischen Bestands.

In den beiden oberen Geschossen befinden sich überwiegend die Wohneinheiten des Frauenhauses. Unterschiedlich große Apartments reagieren auf verschiedene Familienkonstellationen und bieten zugleich alleinstehenden Frauen ein geschütztes Wohnumfeld. Durch flexible Grundrisse und leichte Trennwände in Holzbauweise können die Wohnungen an veränderte Bedürfnisse angepasst werden. Die bestehende Gebäudestruktur wird dabei neu interpretiert, indem die ehemalige Flurzone zu einer kompakten Erschließungs- und Badzone umorganisiert wird, in der technische Installationen gebündelt sind. So entstehen Nord-Süd-orientierte Wohnungen, deren Privatheitsgrad vom Eingangsbereich bis zu den privaten Räumen kontinuierlich zunimmt. Die Materialwahl orientiert sich an den Anforderungen des Alltags im Frauen*haus und setzt auf robuste, langlebige und pflegeleichte Oberflächen wie Linoleumböden und verputzte Wände, die den hohen Nutzungsanforderungen und der starken Fluktuation gerecht werden.

Schlagworte

Safe Space, Frauenhaus, Schutzraum, Frauen, Wuppertal, Wunderbau

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