Architekturobjekte

Heinze ArchitekturAWARD 2026: Teilnehmer


„Recycelte Tradition“ - Schutzhütte für Naturfreunde | Lehrbienenstand Ichtershausen

Diese Objektpräsentation wurde angelegt von: Frau *Dip.-Ing.(FH) Architektin Anja Beck

Außenansicht Tag - „Recycelte Tradition“ - Schutzhütte für Naturfreunde | Lehrbienenstand Ichtershausen

© A.Beck

Außenansicht Nacht - „Recycelte Tradition“ - Schutzhütte für Naturfreunde | Lehrbienenstand Ichtershausen

© A.Beck

Innenansicht - „Recycelte Tradition“ - Schutzhütte für Naturfreunde | Lehrbienenstand Ichtershausen

© A.Beck

Innenansicht - „Recycelte Tradition“ - Schutzhütte für Naturfreunde | Lehrbienenstand Ichtershausen

© A.Beck

Fassadenstruktur - „Recycelte Tradition“ - Schutzhütte für Naturfreunde | Lehrbienenstand Ichtershausen

© A.Beck

Produktionsprozess - „Recycelte Tradition“ - Schutzhütte für Naturfreunde | Lehrbienenstand Ichtershausen

© A.Beck

Wabenstruktur zur Stabilität - „Recycelte Tradition“ - Schutzhütte für Naturfreunde | Lehrbienenstand Ichtershausen

© A.Beck

Impression - „Recycelte Tradition“ - Schutzhütte für Naturfreunde | Lehrbienenstand Ichtershausen

© A.Beck

Diese Objektpräsentation wurde angelegt von: Frau *Dip.-Ing.(FH) Architektin Anja Beck

Basisdaten zum Objekt

Lage des Objektes

Fasanengarten 1, 99334 Ichtershausen, Deutschland

Objektkategorie

Objektart

Art der Baumaßnahme

Neubau

Fertigstellungstermin

08.2023

Projektbeteiligte Firmen und Personen

Architekt/Planer

Architekturbüro Mentrup Architektin Lina Maria Mentrup

Im Camisch 30

07768 Kahla

Deutschland

Tel. +49 36424 762416

info@architektur-mentrup.de

Architekt/Planer

Frau *Dip.-Ing.(FH) Architektin Anja Beck

Neuroda-Ilmenauer Str. 22

99310 Arnstadt

Deutschland

hallo@architektur-anjabeck.de

Fachplanung: Tragwerksplanung

Stöhr Ingenieure

Königsbrücker Straße 19

01099 Dresden

Deutschland

info@stoehr-ingenieure.de

Verwendete Produkte

Eugen Decker Holzindustrie

KVH

WISA

Siebdruckplatte

Gebäudedaten

Bauweise

Holzskelettbau

Tragwerkskonstruktion

Holz

Anzahl der Vollgeschosse

1-geschossig

Raummaße und Flächen

Wohnfläche

27 m²

Beschreibung

Objektbeschreibung

Hintergrund, oder wie es dazu kam
Der Lehrbienenstand ist ein multifunktionaler Schutzraum für Imker- und Naturfreunde - ein Ort zum Lehren und Lernen zu den Themen Bienenzucht, Umweltbildung und Naturschutz. Beauftragt vom Imkerverein Arnstadt und Umgebung e.V. stellte man uns die Aufgabe zur Entwicklung dieser Kleinstarchitektur.

Ziel war es, mit begrenzten finanziellen Mitteln einen dauerhaft nutzbaren, einfachen und robusten Raum für Vereinsarbeit und Wissensvermittlung zu schaffen.

Um das Maximum aus dem kleinen Vereinsbudget herauszuholen, erfolgte die Umsetzung schrittweise über drei Jahre mithilfe von LEADER-Fördermitteln und großem ehrenamtlichem Engagement. Infolge der Pandemie führten Baupreissteigerungen, Materialengpässe ebenso wie die Einschränkung der ehrenamtlichen Zusammenarbeit jedoch zum Baustopp nach Fertigstellung des Rohbaus. Die ursprünglich geplante Gebäudehülle konnte nicht realisiert werden.

Neue Ideen – Baustopp als Chance
Aus dieser Situation entstand die zentrale Innovation des Projekts. Auf Eigeninitiative der Architektinnen wurde nach Möglichkeiten gesucht, die Gebäudehülle trotz fehlender finanzieller Mittel fertigzustellen. Erste Überlegungen sahen vor, Restbestände und Überschüssen der Baubranche als kostengünstige Gebäudehülle zu verwenden. Die Kontaktaufnahme mit einem regionalen Kunststoffverarbeiter eröffnete jedoch eine neue Perspektive:​ Statt nutzbarer Fertigprodukte standen Produktionsabfälle, Ausschussteile und Angüsse als bislang ungenutzte Ressource zur Verfügung.

Mit der Zusage, das daraus gewonnene Mahlgut kostenfrei verwenden zu dürfen, entwickelten die Architektinnen eine Fassadenschindel aus recyceltem Kunststoffgranulat. Damit entstand die Grundlage für die Fertigstellung des Gebäudes und zugleich ein neuse Bauteil, das direkt aus einer Krisensituation heraus entwickelt wurde.

Die Form und Verlegeart der Schindel leiten sich von der traditionellen Spitzwinkelschablone der Thüringer Schiefereindeckung ab. Schiefer prägt aufgrund des historischen Thüringer Schieferbergbaus bis heute zahlreiche Dächer und Fassaden der Region. Mit der Recycling-Schindel wird dieses traditionelle Bild nicht reproduziert, sondern in eine neue Materialität übersetzt. So entsteht eine zeitgemäße Neuinterpretation regionaler Baukultur, die historische Identität, Materialinnovation und Kreislaufwirtschaft miteinander verbindet.


Funktion und Atmosphäre
Die transluzente Gebäudehülle übernimmt konstruktive und funktionale Aufgaben und prägt zugleich den Genius loci. Sie schützt die Holzkonstruktion vor Witterungseinflüssen und filtert das Tageslicht zu einer gleichmäßigen, blendfreien Ausleuchtung des Innenraums. Die milchig-weißen Schindeln lassen Licht diffus durchscheinen, ohne direkte Einblicke zu gewähren. Dadurch entsteht eine ruhige, beinahe schwebende Raumatmosphäre, in der Licht, Wetter und die umgebende Vegetation als diffuse Farben und Bewegungen im Innenraum erlebbar werden.

Auch von außen verändert sich die Wahrnehmung des Baukörpers kontinuierlich. Je nach Tages- und Jahreszeit erscheint die Hülle transluzent oder geschlossen. Bei Dunkelheit wird das Gebäude zum Leuchtkörper, dessen Nutzung als schemenhafte Silhouette nach außen sichtbar wird.

Reallabor
Als Reallabor dient der Lehrbienenstand zugleich als Testraum für das neu entwickelte Fassadensystem unter realen Bedingungen. Bewitterung, UV-Strahlung, Feuchtigkeit sowie sommerliche und winterliche Temperaturbelastungen werden über einen langen Zeitraum beobachtet. Dabei ist die Alterung des Materials ausdrücklich Teil des Konzepts.

Die Oberfläche bleibt offen für natürliche Aneignungsprozesse:​ Moose, Flechten oder andere organische Spuren können sich in der Wabenstruktur ansiedeln und die Schindeln im Laufe der Zeit zunehmend mit ihrer Umgebung verweben.

Beschreibung der Besonderheiten

Nachhaltigkeit

Der Lehrbienenstand verfolgt einen konsequent ressourcenschonenden und kreislauforientierten Ansatz.

  • kompakte, einfache Bauweise mit reduziertem Materialeinsatz
  • Punktfundamente minimieren Bodenversiegelung und ermöglichen Rückbau
  • Holzrahmenbau und Stahlträger als langlebige, kreislauffähige Konstruktion
  • lösbare, sortenreine Verbindungen ermöglichen vollständige Rückbaubarkeit

Der ökologische Kern liegt in der Entwicklung der Fassadenschindel aus recyceltem Kunststoff:​

  • Produktionsabfälle (Ausschussteile, Angüsse, Reststoffe) als Rohstoff
  • sortierte Thermoplast-Fraktionen und industrielle Reststoffe besitzen bislang ungenutztes Potenzial als nachhaltiger Rohstoff im Bauwesen
  • Transformation von Kunststoffabfällen in ein neues Bauelement
  • regionale Verarbeitung in Thüringen, kurze Transportwege
  • Schindeln vollständig recycelbar und erneut in den Materialkreislauf rückführbar
  • Low-Tech-Betrieb:​ Tageslichtnutzung ohne künstliche Beleuchtung am Tag, natürliche Lüftung über großformatige Öffnungen


Innovation

  • Baustopp und Budgeterschöpfung als Auslöser für Neuentwicklung
  • eigenständige Weiterführung des Projekts durch die Architektinnen
  • Entwicklung einer Fassadenschindel aus recyceltem Kunststoffgranulat
  • Nutzung industrieller Produktionsabfälle als Ausgangsmaterial
  • Entwicklung einer eigenen Gussform / eines Werkzeugs zur Herstellung
  • iterative Entwicklung entlang von Form, Befestigung, Überdeckung und Materialverhalten gemeinsam mit dem Hersteller
  • Transformation regionaler Baukultur (Schiefertradition → Kunststoff-Schindel) - Bezug zur Spitzwinkelschablone der Thüringer Schiefereindeckung, nicht Reproduktion, sondern Übersetzung in neue Materialität
  • Planung, Materialentwicklung und Ausführung greifen direkt ineinander
  • Architektur als unmittelbarer Entwicklungsprozess eines Bauteils


Architektur als Prozess

Die Qualität des Projekts entstand aus der Notwendigkeit, aufgrund des Budgets neue Wege im Planen und Bauen zu entwickeln. Dies führte zu einem strukturellen Wandel im Architekturprozess, der in enger Verzahnung von Förderung, Nutzerinteressen und Materialentwicklung neue Lösungsräume eröffnete.


Reallabor

  • Der Lehrbienenstand wird als gebaute Testumgebung verstanden.
  • Fassadensystem wird unter realen Bedingungen eingesetzt (Nutzung im Alltag)
  • Bewitterung, UV-Strahlung, Feuchtigkeit sowie Temperaturbelastungen werden beobachtet
  • Materialverhalten wird langfristig untersucht
  • Alterung des Materials ist Teil des Konzepts
  • Oberfläche bleibt offen für natürliche Prozesse
  • Moos-, Flechten- und biologische Besiedlung der Wabenstruktur möglich
  • kontinuierliche Veränderung der Fassadenwirkung über Zeit

Auszeichnungen

Ausgezeichnete Bauten in Thüringen 2024, Anerkennung BDA Bund Deutscher Architektinnen und Architekten Thüringen

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