Architekturobjekte

Heinze ArchitekturAWARD 2026: Teilnehmer


Hinterland unter Strom - Extraktive Kontinuitäten im Energieland Brandenburg

Diese Objektpräsentation wurde angelegt von: Technische Universität Berlin, Fakultät VI, Ferdinand Storjohann

Buchcover - Hinterland unter Strom - Extraktive Kontinuitäten im Energieland Brandenburg

© Ferdinand Storjohann, Anne Wilhelm

Operational Landscape - Hinterland unter Strom - Extraktive Kontinuitäten im Energieland Brandenburg

© Ferdinand Storjohann, Anne Wilhelm

Satellitenbild 1953 - Hinterland unter Strom - Extraktive Kontinuitäten im Energieland Brandenburg

© Ferdinand Storjohann, Anne Wilhelm

Satellitenbild 2025 - Hinterland unter Strom - Extraktive Kontinuitäten im Energieland Brandenburg

© Ferdinand Storjohann, Anne Wilhelm

Energiekarte - Hinterland unter Strom - Extraktive Kontinuitäten im Energieland Brandenburg

© Ferdinand Storjohann, Anne Wilhelm

Knotenpunkte - Hinterland unter Strom - Extraktive Kontinuitäten im Energieland Brandenburg

© Ferdinand Storjohann, Anne Wilhelm

Umspannwerk Ragow - Hinterland unter Strom - Extraktive Kontinuitäten im Energieland Brandenburg

© Ferdinand Storjohann, Anne Wilhelm

Rechenzentrum Baustelle 03/26 - Hinterland unter Strom - Extraktive Kontinuitäten im Energieland Brandenburg

© Ferdinand Storjohann, Anne Wilhelm

Aufstockung Logistikzentrum - Hinterland unter Strom - Extraktive Kontinuitäten im Energieland Brandenburg

© Ferdinand Storjohann, Anne Wilhelm

Aufstockung Garagen - Hinterland unter Strom - Extraktive Kontinuitäten im Energieland Brandenburg

© Ferdinand Storjohann, Anne Wilhelm

Energie ist überall - Hinterland unter Strom - Extraktive Kontinuitäten im Energieland Brandenburg

© Ferdinand Storjohann, Anne Wilhelm

Flurverkleinerung - Hinterland unter Strom - Extraktive Kontinuitäten im Energieland Brandenburg

© Ferdinand Storjohann, Anne Wilhelm

Stromtrasse Ist-Zustand - Hinterland unter Strom - Extraktive Kontinuitäten im Energieland Brandenburg

© Ferdinand Storjohann, Anne Wilhelm

konservatives Trassenmanagement - Hinterland unter Strom - Extraktive Kontinuitäten im Energieland Brandenburg

© Ferdinand Storjohann, Anne Wilhelm

ökologisches Trassenmanagement - Hinterland unter Strom - Extraktive Kontinuitäten im Energieland Brandenburg

© Ferdinand Storjohann, Anne Wilhelm

Diese Objektpräsentation wurde angelegt von: Technische Universität Berlin, Fakultät VI, Ferdinand Storjohann

Basisdaten zum Objekt

Lage des Objektes

Deutschland

Objektkategorie

Objektart

Art der Baumaßnahme

Entwurfskonzept

Fertigstellungstermin

05.2026

Beschreibung

Objektbeschreibung

„Hinterland unter Strom - Extraktive Kontinuitäten im Energieland Brandenburg" untersucht, wie die Energiewende den ländlichen Raums transformiert und welche planerische Sprache für diese Wende bislang fehlt. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Solarparks, Windanlagen, Hochspannungstrassen, Batteriespeicher und Rechenzentren weite Teile des Hinterlandes einnehmen, ohne das eine gestalterische Anspruchshaltung erkennbar ist.

Die Aufgabenstellung gliedert sich in drei Leitfragen:​ Was sind die landschaftlichen Kosten der Energiewende? Wie können sektorale Konflikte und Flächenkonkurrenz planerisch adressiert werden? Welche übergeordneten planerischen Leitsätze lassen sich daraus ableiten? Die Arbeit beantwortet diese Fragen in drei Phasen:​ analytisch, entwerferisch und instrumentell. 

In der analytischen Phase werden vier Dimensionen landschaftlicher Kosten herausgearbeitet:​ die Beschleunigung extraktiver Raumkontinuitäten, die sektorale Flächenkonkurrenz ohne übergeordnete Gesamtverantwortung, der Verlust landschaftlicher Komplexität durch sich global wiederholende Typologien sowie die planerische Unsichtbarkeit dieser Kosten. Denn das Planungssystem hat keine Sprache für das, was zwischen den Eingriffen bleibt. Gesetzliche Instrumente und das Raumordnungsgesetz privilegieren Infrastrukturvorhaben, ohne die Qualität des verbleibenden Freiraums als gleichrangiges Ziel zu verankern. Freiraum gilt als Negativkategorie, also als das Übrige, nicht als das Tragende.

Theoretisch verortet sich die Arbeit im Konzept der Planetary Urbanization nach Neil Brenner und Nikos Katsikis:​ Urbanisierung endet nicht an der Stadtgrenze, sondern bezieht den gesamten Raum in urbane Stoffwechselprozesse ein. Das Hinterland ist kein Rückstand, sondern Funktion. Räume, die diesen Betrieb ermöglichen, bezeichnen Brenner und Katsikis als Operational Landscapes:​ monofunktionale, hochgradig infrastrukturierte Zonen, die nicht für ihre Gesamtgestalt entworfen wurden, sondern einzig für ihre Leistung. Genau diese Logik, so die zentrale These der Arbeit, reproduziert die Energiewende. Dabei ist Brandenburg nicht der Sonderfall, sondern ein besonders deutliches Beispiel einer Entwicklung, die weite Teile des metropolitanen Hinterlandes erfasst. Die Region trägt eine doppelte Last:​ die historische der Braunkohle, die über Jahrzehnte Landschaft, Grundwasser und Siedlungsstruktur transformiert hat, sowie die neue Last der erneuerbaren Energien, die mitunter dieselben Flächen wieder beansprucht. Die räumliche Logik ist dabei gleich geblieben:​ Produktion ist peripher, Konsum ist Metropolitan, Gestaltungsverantwortung ist ungeklärt.
Der entwerferische Teil konkretisiert sich am Untersuchungsort Lübbenau im südlichen Brandenburg. Die Stadt am Spreewald ist ebenso nicht wegen ihrer Einzigartigkeit gewählt, sondern weil sie exemplarisch sichtbar macht, was vielerorts unbearbeitet bleibt:​ eine postindustrielle Landschaft, in der sich die Extraktionsgeschichte der Braunkohle und die neue Extraktionslogik der erneuerbaren Energien überlagern. Anhand der fünf Knotenpunkte:​ ein geplantes KI-Rechenzentrum auf dem ehemaligen Kraftwerksgelände, das Umspannwerk Ragow mit seinen Stromtrassen sowie den drei Tagebaufolgelandschaften Schlabendorf-Nord, Seese-West und Seese-Ost werden ortsspezifische Strategien entwickelt. Konzeptionell wird sich an den Begriffen der Behutsamen Stadterneuerung orientiert:​ Reparatur, Bestand und Prozess.

Als instrumentelles Ergebnis formuliert die Thesis einen interkommunalen Landschaftsvertrag mit vier Paragrafen, der unterhalb der Ebene der Raumordnung und oberhalb der kommunalen Selbstverwaltung ansetzt. Er bindet neue Vorhaben an die bestehende Landschaftsstruktur, prüft Maßstabsverträglichkeit, verpflichtet zu ökologischen Sekundärfunktionen am Eingriffsort und schafft eine rechtliche Kategorie für Räume, die bewusst nicht zur Nutzung freigegeben werden. Der Landschaftsvertrag versteht sich nicht als abgeschlossenes Instrument, sondern als übertragbarer Vorschlag für die Frage:​ Wie soll das Hinterland der Energiewende aussehen und wer trägt dafür Verantwortung?

Beschreibung der Besonderheiten

Eine wesentliche Besonderheit der Thesis liegt in ihrer Disziplinierung des Blicks:​ Die Arbeit nimmt eine räumliche und gestalterische Perspektive auf ein Thema ein, das in der öffentlichen Debatte fast ausschließlich technisch, ökonomisch oder klimapolitisch verhandelt wird. Eine Ästhetik der Energiewende, so die Ausgangsthese, steht bislang aus. Genau diese Leerstelle wird zum Gegenstand architektonisch-landschaftsplanerischer Analyse und Entwurfsarbeit. Die Methodik der Arbeit verknüpft kartografische Analyse, Zeitstrahldarstellungen über nahezu 100 Jahre sowie konzeptionelle Entwurfsarbeit zu einem kohärenten Untersuchungsrahmen. Die selbst entwickelten Mappings machen strukturelle Transformationen sichtbar, die in keiner offiziellen Planungsgrundlage in dieser Verdichtung vorliegen. Durch die Übereinanderlagerung historischer, ökologischer und infrastruktureller Schichten entsteht ein Bild der kumulativen Inanspruchnahme des Freiraums, das analytisch präzise und bildlich überzeugend ist.

Die Übertragung des Spektrums von Sacrifice-Zones und Sacred-Zones auf die fünf Knotenpunkte in Lübbenau erlaubt einen ortsspezifischen Eingriff anstatt eines einheitlichen Masterplan. Am Rechenzentrum wird die Abwärme des ersten Bauabschnitts für ein 10-ha-Gewächshaus sowie die Wärmeversorgung von Lübbenau genutzt. Am Stromnetz werden die Schneisen unter den Hochspannungstrassen durch Wiedervernässung in Moorlandschaften überführt. Schlabendorf-Nord wird als dauerhaft stillgelegte Sacred Zone gesichert, die freigegeben Ackerflächen erhalten Agroforste und Bocagestrukturen. In Seese-West werden nach Ablauf der Lebensdauer leistungsfähigere Windräder eingeführt, was eine Reduzierung der Anlagenanzahl ermöglicht, und nicht mehr benötigte Wirtschaftswege werden zu Agroforststreifen. In Seese-Ost wird der geplante Solarpark um 60 ha reduziert zugunsten eines Energie- und Erholungsraums mit Agri-PV, Magerwiesen, Waldstreifen und öffentlichen Wegeverbindungen.

Nachhaltigkeit

Die Thesis verfolgt einen kritisch erweiterten Nachhaltigkeitsbegriff:​ Nachhaltigkeit ist nicht bereits dann erreicht, wenn fossile Energieträger durch erneuerbare ersetzt werden. Solange die räumliche Logik der Energieproduktion dieselbe bleibt, reproduziert die Energiewende extraktive Muster unter grünem Vorzeichen.

Das bestehende Raumordnungssystem behandelt Freiraum als Restkategorie. Was nicht als Siedlung, Infrastruktur oder Schutzgebiet ausgewiesen ist, gilt als abwägbar und steht damit unter permanentem Verwertungsdruck. Das Bundesnaturschutzgesetz erlaubt zwar Ausgleichsflächen räumlich entkoppelt vom Eingriffsort anzulegen, der betroffene Raum verliert dadurch aber doppelt. Einerseits durch den Eingriff, dann durch den entgangenen Ausgleich. Diese Logik zementiert eine ökologische Schuld, die sich an anderer Stelle nicht tilgen lässt. Die fünf Entwurfsstrategien setzen diesem Mechanismus ein alternatives Prinzip entgegen:​ Ausgleich findet am Eingriffsort statt, im Bestand und als integrierter Bestandteil des Vorhabens. Im Knotenpunkt Stromnetz sind die wiedervernässten Moorlandschaften CO2-Senken, Wasserreservoire und Lebensräume zugleich, erreichbar ohne neue Flächeninanspruchnahme. In den Tagebaufolgelandschaften wird das Gebot der Maßstabsverträglichkeit räumlich überprüft:​ Solarflächen werden reduziert, Agroforste und Bocagestrukturen integriert, Magerwiesen als Puffer entwickelt. Seese-Ost verbindet Photovoltaik mit Landwirtschaft und öffentlichen Erholungsräumen und erbringt damit wirtschaftliche, ökologische und soziale Leistungen gleichzeitig.

Nachhaltigkeit wird hier nicht als Zertifikat verstanden, sondern als räumliche Verpflichtung gegenüber dem Ort.

Schlagworte

Energiewende, Transformation, Brandenburg, Infrastruktur, Energie, Fossil, Rechenzentrum, Raumordnung, Urban Design, Strom, Theorie, Hinterland, Planetary Urbanization, Operational Landscape

Bitte melden Sie sich an

Um diese Funktion nutzen zu können, müssen Sie bei heinze.de registriert und angemeldet sein.

Hier anmelden
Diese Seite weiterempfehlen
1531892720