Heinze ArchitekturAWARD 2026: Teilnehmer
Hinterland unter Strom - Extraktive Kontinuitäten im Energieland Brandenburg
Diese Objektpräsentation wurde angelegt von: Technische Universität Berlin, Fakultät VI, Ferdinand Storjohann
Basisdaten zum Objekt
Lage des Objektes
Deutschland
Objektkategorie
Objektart
Art der Baumaßnahme
Entwurfskonzept
Fertigstellungstermin
05.2026
Zeichnungen und Unterlagen
Beschreibung
Objektbeschreibung
Die Aufgabenstellung gliedert sich in drei Leitfragen: Was sind die landschaftlichen Kosten der Energiewende? Wie können sektorale Konflikte und Flächenkonkurrenz planerisch adressiert werden? Welche übergeordneten planerischen Leitsätze lassen sich daraus ableiten? Die Arbeit beantwortet diese Fragen in drei Phasen: analytisch, entwerferisch und instrumentell.
In der analytischen Phase werden vier Dimensionen landschaftlicher Kosten herausgearbeitet: die Beschleunigung extraktiver Raumkontinuitäten, die sektorale Flächenkonkurrenz ohne übergeordnete Gesamtverantwortung, der Verlust landschaftlicher Komplexität durch sich global wiederholende Typologien sowie die planerische Unsichtbarkeit dieser Kosten. Denn das Planungssystem hat keine Sprache für das, was zwischen den Eingriffen bleibt. Gesetzliche Instrumente und das Raumordnungsgesetz privilegieren Infrastrukturvorhaben, ohne die Qualität des verbleibenden Freiraums als gleichrangiges Ziel zu verankern. Freiraum gilt als Negativkategorie, also als das Übrige, nicht als das Tragende.
Theoretisch verortet sich die Arbeit im Konzept der Planetary Urbanization nach Neil Brenner und Nikos Katsikis: Urbanisierung endet nicht an der Stadtgrenze, sondern bezieht den gesamten Raum in urbane Stoffwechselprozesse ein. Das Hinterland ist kein Rückstand, sondern Funktion. Räume, die diesen Betrieb ermöglichen, bezeichnen Brenner und Katsikis als Operational Landscapes: monofunktionale, hochgradig infrastrukturierte Zonen, die nicht für ihre Gesamtgestalt entworfen wurden, sondern einzig für ihre Leistung. Genau diese Logik, so die zentrale These der Arbeit, reproduziert die Energiewende. Dabei ist Brandenburg nicht der Sonderfall, sondern ein besonders deutliches Beispiel einer Entwicklung, die weite Teile des metropolitanen Hinterlandes erfasst. Die Region trägt eine doppelte Last: die historische der Braunkohle, die über Jahrzehnte Landschaft, Grundwasser und Siedlungsstruktur transformiert hat, sowie die neue Last der erneuerbaren Energien, die mitunter dieselben Flächen wieder beansprucht. Die räumliche Logik ist dabei gleich geblieben: Produktion ist peripher, Konsum ist Metropolitan, Gestaltungsverantwortung ist ungeklärt.
Der entwerferische Teil konkretisiert sich am Untersuchungsort Lübbenau im südlichen Brandenburg. Die Stadt am Spreewald ist ebenso nicht wegen ihrer Einzigartigkeit gewählt, sondern weil sie exemplarisch sichtbar macht, was vielerorts unbearbeitet bleibt: eine postindustrielle Landschaft, in der sich die Extraktionsgeschichte der Braunkohle und die neue Extraktionslogik der erneuerbaren Energien überlagern. Anhand der fünf Knotenpunkte: ein geplantes KI-Rechenzentrum auf dem ehemaligen Kraftwerksgelände, das Umspannwerk Ragow mit seinen Stromtrassen sowie den drei Tagebaufolgelandschaften Schlabendorf-Nord, Seese-West und Seese-Ost werden ortsspezifische Strategien entwickelt. Konzeptionell wird sich an den Begriffen der Behutsamen Stadterneuerung orientiert: Reparatur, Bestand und Prozess.
Als instrumentelles Ergebnis formuliert die Thesis einen interkommunalen Landschaftsvertrag mit vier Paragrafen, der unterhalb der Ebene der Raumordnung und oberhalb der kommunalen Selbstverwaltung ansetzt. Er bindet neue Vorhaben an die bestehende Landschaftsstruktur, prüft Maßstabsverträglichkeit, verpflichtet zu ökologischen Sekundärfunktionen am Eingriffsort und schafft eine rechtliche Kategorie für Räume, die bewusst nicht zur Nutzung freigegeben werden. Der Landschaftsvertrag versteht sich nicht als abgeschlossenes Instrument, sondern als übertragbarer Vorschlag für die Frage: Wie soll das Hinterland der Energiewende aussehen und wer trägt dafür Verantwortung?
Beschreibung der Besonderheiten
Die Übertragung des Spektrums von Sacrifice-Zones und Sacred-Zones auf die fünf Knotenpunkte in Lübbenau erlaubt einen ortsspezifischen Eingriff anstatt eines einheitlichen Masterplan. Am Rechenzentrum wird die Abwärme des ersten Bauabschnitts für ein 10-ha-Gewächshaus sowie die Wärmeversorgung von Lübbenau genutzt. Am Stromnetz werden die Schneisen unter den Hochspannungstrassen durch Wiedervernässung in Moorlandschaften überführt. Schlabendorf-Nord wird als dauerhaft stillgelegte Sacred Zone gesichert, die freigegeben Ackerflächen erhalten Agroforste und Bocagestrukturen. In Seese-West werden nach Ablauf der Lebensdauer leistungsfähigere Windräder eingeführt, was eine Reduzierung der Anlagenanzahl ermöglicht, und nicht mehr benötigte Wirtschaftswege werden zu Agroforststreifen. In Seese-Ost wird der geplante Solarpark um 60 ha reduziert zugunsten eines Energie- und Erholungsraums mit Agri-PV, Magerwiesen, Waldstreifen und öffentlichen Wegeverbindungen.
Nachhaltigkeit
Das bestehende Raumordnungssystem behandelt Freiraum als Restkategorie. Was nicht als Siedlung, Infrastruktur oder Schutzgebiet ausgewiesen ist, gilt als abwägbar und steht damit unter permanentem Verwertungsdruck. Das Bundesnaturschutzgesetz erlaubt zwar Ausgleichsflächen räumlich entkoppelt vom Eingriffsort anzulegen, der betroffene Raum verliert dadurch aber doppelt. Einerseits durch den Eingriff, dann durch den entgangenen Ausgleich. Diese Logik zementiert eine ökologische Schuld, die sich an anderer Stelle nicht tilgen lässt. Die fünf Entwurfsstrategien setzen diesem Mechanismus ein alternatives Prinzip entgegen: Ausgleich findet am Eingriffsort statt, im Bestand und als integrierter Bestandteil des Vorhabens. Im Knotenpunkt Stromnetz sind die wiedervernässten Moorlandschaften CO2-Senken, Wasserreservoire und Lebensräume zugleich, erreichbar ohne neue Flächeninanspruchnahme. In den Tagebaufolgelandschaften wird das Gebot der Maßstabsverträglichkeit räumlich überprüft: Solarflächen werden reduziert, Agroforste und Bocagestrukturen integriert, Magerwiesen als Puffer entwickelt. Seese-Ost verbindet Photovoltaik mit Landwirtschaft und öffentlichen Erholungsräumen und erbringt damit wirtschaftliche, ökologische und soziale Leistungen gleichzeitig.
Nachhaltigkeit wird hier nicht als Zertifikat verstanden, sondern als räumliche Verpflichtung gegenüber dem Ort.
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