Heinze ArchitekturAWARD 2026: Teilnehmer
Umbau Kirche Vogelsberg - Neue „Arche“ als Begegnungsort der Gemeinde
99610 Vogelsberg, Karl Marx Platz 1
Diese Objektpräsentation wurde angelegt von: B19 ARCHITEKTEN BDA I D&R PartGmbB
Basisdaten zum Objekt
Lage des Objektes
Karl Marx Platz 1, 99610 Vogelsberg, Deutschland
Objektkategorie
Objektart
Art der Baumaßnahme
Umbau
Fertigstellungstermin
11.2025
Zeichnungen und Unterlagen
Projektbeteiligte Firmen und Personen
Verwendete Produkte
Gebäudedaten
Bauweise
Holzbau
Tragwerkskonstruktion
Holz
Anzahl der Vollgeschosse
1-geschossig
Raummaße und Flächen
Nutzfläche
100 m²
Kosten
Gesamtkosten der Maßnahme (ohne Grundstück)
1.000.000 Euro
Lage und Umgebung
Beschreibung
Objektbeschreibung
Neue „Arche“ als Begegnungsort der Gemeinde
Der bauliche Zustand der mehr als 500 Jahre alten Ortskirche in Vogelsberg brachte die Kirchgemeinde im Jahr 2018 zur Überlegung, das Kirchenschiff abreißen und neu errichten zu lassen. Mit unserem innovativen Vorschlag eines „Haus im Haus“-Konzepts konnten wir die Gemeinde überzeugen, das Kirchenschiff als Wetterhülle für einen integrierten Holzbaukörper zu nutzen und somit dauerhaft zu erhalten.
Unsere Ziele
Dass unser Projekt überhaupt umgesetzt werden konnte, lag am – in den 1960er Jahren begonnenen – Abriss des Chors, der aus Gründen der Baufälligkeit durchgeführt werden musste und ein etwa um ein Drittel verkürztes Kirchenschiff zur Folge hatte. Unser Ziel war es, einen Entwurf zu entwickeln, der die verbliebene historische Bausubstanz respektvoll einbindet. Dabei war uns wichtig, die Kirchenkubatur zu erhalten, zu schützen und denkmalgerecht zu sanieren. Schließlich sollte ein zukunftsfähiges Nutzungskonzept eine ganzjährige, barrierefreie Nutzung für alle Gemeindemitglieder ermöglichen – über den Gottesdienst hinaus.
Im Sinne eines ganzheitlichen Ansatzes lag unser Augenmerk auf dem Einsatz regionaler Hölzer und auf der Wiederverwendung vorhandener Materialien, etwa der abgebauten Emporenhölzer sowie des rückgebauten und gesicherten Klinkerbodenbelags aus dem Kirchenschiff.
Das „Arche“-Konzept
Der Neubau des Gemeindesaals wurde auf der bereits durch die Kirche Vogelsberg versiegelten Fläche realisiert. Nachdem baufällige und hinderliche Einbauten entfernt und das leere Kirchenschiff bis auf die tragenden Mauern freigelegt sowie die historische Dachkonstruktion mit Schieferdeckung denkmalgerecht saniert waren, erfolgte der Einbau einer vier Meter hohen, ovalen „Arche“ ganz aus Holz. Die Abhängung des Tragwerks an der Bestandskonstruktion des Kirchenschiffs ermöglichte eine querschnittsreduzierte, materialeffiziente und zugleich gestalterisch ästhetische Holzkonstruktion.
Dieses autarke „Haus im Haus“ verfügt über keine direkte Verbindung zum Saalkörper und den Fensteröffnungen in der Außenwand. Ähnlich einem großen freistehenden Möbel fügt sich der Holzkörper harmonisch in die Gebäudehülle ein, der Raum zwischen Gemeindesaal und Kirchenhülle macht die Kubatur der mittelalterlichen Saalkirche ablesbar. Dieser Freiraum dient nicht nur als Pufferzone für Revisions- und Erhaltungsarbeiten, sondern kann auch als Ausstellungsraum für Kunstgüter sowie zur Dokumentation der Kirchen- und Baugeschichte genutzt werden.
Gleichzeitig ermöglicht die räumliche Verbindung von Sakralraum und beheiztem Gemeindesaal die Bündelung zweier Funktionen in einem Raumgefüge – ein Ansatz, der vom üblichen Bedarf nach getrennten Räumen abweicht und sowohl den Erhalt der historischen Substanz als auch eine deutliche Reduzierung des Energieverbrauchs unterstützt.
Über Oberlichter und bodentiefe Glasflächen an der Chorfassade fällt großzügig Tageslicht in den Gemeindesaal. Der ovale Saalkörper durchbricht in Form einer gläsernen Apside die in den 60er Jahren errichtete Ostwand – das Neue wächst gleichsam aus dem Alten heraus und gibt den Blick frei auf die Bäume im Kirchgarten.
Individuelle und vielfältige Nutzung
Praktische Konstruktionsmerkmale erlauben eine vielseitige Nutzung der neuen „Arche“. Die Wände des Holzovals sind umlaufend als „dienende Schicht“ angelegt, wodurch ein flexibel nutzbarer Raum für Schränke, Technik, Garderobe oder Lager für Stühle und Tische zur Verfügung steht, der weitere Nebenräume überflüssig macht. Und dank einer integrierten Küchenzeile kann hier zusammen gekocht, gegessen und gefeiert werden.
Ausgelegt für etwa 100 Personen finden hier wieder gemeinsame Konzerte, Chorproben, Gemeindetreffen, Gottesdienste und Trauerfeiern statt. In drei Jahren Bauzeit entstand hier ein Ort der Begegnung und des Austauschs für alle Vogelsberger – ein echter Gewinn für die Gemeinde.
Ausgezeichnetes Konzept
Unsere „Arche“ in der Dorfkirche Vogelsberg begeistert nicht nur die Einwohner, die nun einen neuen Gemeindetreffpunkt ihr Eigen nennen können. Für unser innovatives und nachhaltiges Konzept zur Umnutzung der Kirche wurde der Kirchgemeinde Vogelsberg 2025 der 2.Preis der Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler in Deutschland verliehen.
Beschreibung der Besonderheiten
Die besondere funktionale Qualität liegt in der Organisation aller Funktionen in der umlaufenden Wandzone der Arche. Diese „dienende Schicht“ integriert Küche, Sanitär-, Lager- und Technikbereiche sowie Garderoben und Stauraum. Separate Nebenräume werden dadurch überflüssig. Sämtliche Funktionen sind unmittelbar erreichbar und ermöglichen kurze Wege.
Die räumliche Struktur unterstützt unterschiedliche Veranstaltungsformate – von Gottesdiensten und Trauerfeiern über Chorproben, Konzerte und Bildungsangebote bis hin zu gemeinsamen Mahlzeiten oder privaten Feiern. Bestuhlung, Tische und Ausstattung können flexibel angeordnet werden. Die Integration der ehemals im Pfarrhaus untergebrachten Funktionen schafft einen zentralen Ort für das gesamte Gemeindeleben.
Das Haus-im-Haus-Prinzip bietet zugleich funktionale und klimatische Vorteile. Die historische Kirche dient als schützende Wetter- und Pufferhülle für den beheizten Holzbau. Der Zwischenraum zwischen alter Kirchenwand und neuer Arche macht die historische Struktur sichtbar, ermöglicht Wartung und Ausstellungen und erweitert bei Bedarf die nutzbaren Flächen.
Die Konstruktion folgt einem modularen Prinzip: Gleichartige Wandfelder nehmen Einbauten, Installationen und Möblierung auf und erlauben spätere Anpassungen ohne Eingriffe in die Tragstruktur. Dadurch bleibt das Gebäude langfristig an veränderte Nutzungsanforderungen anpassbar.
Barrierefreie Zugänge, eine klare Orientierung und intuitive Wegeführung gewährleisten eine einfache Nutzung für Menschen aller Altersgruppen. Die Verbindung von Sakralraum, Gemeindefunktionen und Freiraum schafft ein offenes, robustes und zukunftsfähiges Nutzungskonzept, das die Kirche wieder zum sozialen und kulturellen Mittelpunkt des Dorfes macht.
Nachhaltigkeit
Das Projekt folgt einem ressourcenschonenden Haus-im-Haus-Prinzip, bei dem die historische Kirchenhülle erhalten und als klimatische Pufferzone für einen neuen, beheizbaren Gemeinderaum genutzt wird. Dadurch wird nur ein vergleichsweise kleiner Raumbereich ganzjährig temperiert, während die bestehende Kirche als Wetterschutz und thermischer Speicher dient. Der Energiebedarf wird so bereits durch die räumliche Organisation reduziert.
Suffizienz – Reduktion des Bedarfs
Der wichtigste Nachhaltigkeitsbeitrag liegt in der konsequenten Suffizienzstrategie:
Erhalt der bestehenden Kirche statt Neubau oder weitreichender Umbauten.
Konzentration aller Nutzungen in einem kompakten, beheizbaren Raumkern.
Integration von Küche, Lager, Technik und Sanitärbereichen in die Wandzone der „Arche“, wodurch zusätzliche Nebenräume entfallen.
Mehrfachnutzung eines einzigen Raumes für Gottesdienste, Konzerte, Bildungsangebote, Gemeindeveranstaltungen und private Feiern.
Reduktion technischer Anlagen durch passive klimatische Strategien.
Die Frage „Wie kann mit weniger Fläche, Material und Technik mehr Nutzung ermöglicht werden?“ steht damit im Mittelpunkt des Entwurfs.
Effizienz – Optimierung von Energie- und Materialeinsatz
Ergänzend werden Effizienzstrategien eingesetzt:
Beheizung nur des tatsächlich genutzten Raumvolumens.
Nutzung der historischen Mauern als thermische Speichermasse.
Tageslichtversorgung über Glasapside und Oberlichter zur Verringerung des Kunstlichtbedarfs.
Natürliche Lüftung statt aufwendiger technischer Systeme.
Materialeffiziente Tragkonstruktion durch die Abhängung der Holzarche an das bestehende Dachtragwerk.
Langlebige und wartungsarme Materialien mit geringem Instandhaltungsaufwand.
Konsistenz – Einsatz nachhaltiger Materialien
Das Materialkonzept basiert auf nachwachsenden und langlebigen Baustoffen:
Verwendung von Holz für die gesamte neue Trag- und Ausbaukonstruktion.
Wiederverwendung von Emporenhölzern und vorhandenen Bodenklinkern.
Einsatz robuster Materialien wie Vollholz, Schiefer und Sichtestrich.
Minimierung von Transportwegen und grauer Energie durch lokale Materialkreisläufe.
Damit wird der Ressourcenverbrauch nicht nur reduziert, sondern durch den Einsatz regenerativer Materialien grundsätzlich nachhaltiger gestaltet.
Cradle to Cradle und Kreislaufwirtschaft
Das Projekt verfolgt wesentliche Prinzipien der Kreislaufwirtschaft und nähert sich einem Cradle-to-Cradle-Ansatz an:
Hoher Re-Use-Anteil durch Wiederverwendung vorhandener Bauteile.
Rückbaubare Holzkonstruktion mit lösbaren Verbindungen.
Wiederverwendbare Materialien wie Holz und Klinker.
Modulare Bauweise, die spätere Anpassungen und Umnutzungen ermöglicht.
Verzicht auf komplexe, schwer trennbare Materialverbunde.
Ein vollständiges Cradle-to-Cradle-Konzept im zertifizierten Sinne wird zwar nicht erreicht, die Konstruktion erfüllt jedoch wesentliche Grundprinzipien wie Rückbaubarkeit, Wiederverwendbarkeit und Materialkreisläufe.
Zusammenfassung
Das Energie- und Materialkonzept basiert primär auf einer Suffizienzstrategie: Bestandserhalt, Flächenreduktion, Mehrfachnutzung und die Konzentration aller Funktionen in einem kompakten Raumkern minimieren den Ressourcenbedarf von vornherein. Ergänzend erhöhen passive Klimastrategien und eine materialeffiziente Konstruktion die Effizienz, während regionale, wiederverwendete und nachwachsende Baustoffe die Konsistenz des Konzepts stärken. Durch Re-Use, Rückbaubarkeit und modulare Konstruktion werden zudem wesentliche Prinzipien der Kreislaufwirtschaft und des Cradle-to-Cradle-Gedankens umgesetzt. Insgesamt steht nicht die technische Optimierung im Vordergrund, sondern die intelligente Nutzung des Bestands als Grundlage für einen dauerhaft ressourcenschonenden Betrieb.
Auszeichnungen
2.Preis der Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler in Deutschland
Schlagworte
Energetische Kennwerte
Energiestandard
Energetische Kennwerte
Primärenergie
Umweltthermie (Luft / Wasser)
Sekundärenergie
Strom
Energetische Kennwerte
Primärenergiebedarf ("Gesamtenergieeffizienz")
1.950,00 kWh/(m²a)
Weitere Dokumente zum Objekt
Objektdetails
Gebäudespezifische Merkmale
Anzahl Sitzplätze
100
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