Architekturobjekte
Ruhende Riesen
Diese Objektpräsentation wurde angelegt von: Anika Jeger
Diese Objektpräsentation wurde angelegt von: Anika Jeger
Basisdaten zum Objekt
Lage des Objektes
Deutschland
Objektkategorie
Objektart
Art der Baumaßnahme
Entwurfskonzept
Fertigstellungstermin
02.2026
Zeichnungen und Unterlagen
Gebäudedaten
Tragwerkskonstruktion
Stahlbeton
Anzahl der Vollgeschosse
3- bis 5-geschossig
Beschreibung
Objektbeschreibung
Unsere Städte stehen an einem Wendepunkt. Warenhäuser, die einst Zentren des urbanen Lebens und Orte der Begegnung waren, stehen heute größtenteils leer und hinterlassen spürbare Lücken im städtischen Gefüge. Doch gerade in dieser Ruhe liegt ein bislang wenig genutztes Potenzial. Ihre zentrale Lage, die großräumigen Flächen und insbesondere die robusten Bestandsstrukturen bieten eine ideale Ausgangslage, um diese urbanen Räume völlig neu zu denken. Die vorliegende Masterthesis widmet sich diesem Thema am Fallbeispiel des ehemaligen Galeria Kaufhofs in Regensburg.
Zunächst eine kurze Einordnung in den historischen Hintergrund des Gebäudes: In den 1970er-Jahren erlebten Kaufhäuser auch in Regensburg ihre Blütezeit. Vor diesem Hintergrund wurde entschieden, ein neues Warenhaus in zentraler Lage am Neupfarrplatz zu errichten. Dafür sollte nahezu ein gesamter Block der bestehenden Altstadtstruktur weichen. Diese Entscheidung fiel nur ein Jahr vor Inkrafttreten des bayerischen Denkmalschutzgesetzes. In der Folge wurden 15 Bestandsgebäude abgerissen, um Platz für den Neubau zu schaffen; lediglich drei Gebäude blieben ganz oder teilweise erhalten. Dazu gehörte beispielsweise die Alte Wache, die prominent zum Neupfarrplatz hin ausgerichtet ist. Von ihr blieb jedoch lediglich die Hauptfassade erhalten, die anschließend in den Neubau des Kaufhauses integriert wurde.
Heute, 55 Jahre später, präsentiert sich das Gebäude äußerlich nahezu unverändert – und dennoch hat seine einstige Präsenz im Stadtraum deutlich an Wirkung verloren. Mit der Insolvenz der Signa-Gruppe schloss im August 2024 auch die Galeria-Filiale in Regensburg. Zurück bleibt ein großmaßstäblicher Baukörper im Zentrum der Stadt, der seither ungenutzt ist und die Qualität des angrenzenden Stadtraums spürbar beeinträchtigt.
Nutzungskonzept
Um auf den anhaltenden Leerstand in den Erdgeschosszonen der umliegenden Innenstadt zu reagieren, rückt das neue Nutzungskonzept bewusst vom Einzelhandel ab. Stattdessen soll das Erdgeschoss nun als erweiterter Stadtraum verstanden werden. Es bleibt bewusst nutzungsoffen und unbeheizt und bildet eine durchlässige Zone, in der sich öffentlicher Raum und Gebäude überlagern. Der Stadtraum wird nicht wie zuvor von dem monolithischen Baukörper unterbrochen, sondern setzt sich im Inneren fort und ermöglicht nun eine Durchwegung in alle Richtungen und erfordert eine konsequente thermische Trennung der darüber- und darunterliegenden Gebäudeteile.
Auch das Untergeschoss wird in das neue Nutzungskonzept eingebunden und gezielt aktiviert. Durch bauliche Öffnungen zum Stadtraum hin entstehen natürliche Belichtung und interessante Blickbeziehungen, die das Untergeschoss räumlich mit dem Erdgeschoss verknüpfen. Die vorhandenen großzügigen Raumhöhen werden genutzt und erweitert, um hier einen Sport Hub mit vielfältigen Bewegungs- und Sportangeboten zu verorten. So wird das Untergeschoss zu einem lebendigen, öffentlichen Ort, der das Gebäude nach unten hin öffnet und in den Stadtraum einbindet.
In den Obergeschossen sind schließlich Wohnungen vorgesehen, um dem anhaltenden Wohnraummangel entgegenzuwirken. Die Grundlage für die neue räumliche und funktionale Organisation des Gebäudes bilden die folgenden Eingriffe in die bestehende Baustruktur.
Bauliche Eingriffe
Im Vorfeld wurde der Bestand weitgehend zurückgebaut, sodass lediglich die primäre Tragstruktur erhalten blieb. Auf dieser Grundlage entstand ein offenes, flexibel nutzbares Gerüst, das als Ausgangspunkt für die weitere Planung diente.
Zur räumlichen Verknüpfung von Erd- und Untergeschoss wurden Teile der bestehenden Decken entfernt und großzügige Durchbrüche geschaffen. Gläserne Kuben erstrecken sich vom Untergeschoss bis ins Erdgeschoss und markieren als vertikale Elemente die Schnittstelle zwischen öffentlichem Stadtraum und den darunterliegenden Nutzungen.
In den Obergeschossen wurde die mittlere Trägerreihe vollständig entfernt, um eine ausreichende natürliche Belichtung der neu geplanten Wohnungen zu gewährleisten. So konnte eine klare Ost-West-Ausrichtung mit durchgesteckten Wohnräumen realisiert werden. Aufgrund der erheblichen Gebäudetiefe wurden ergänzend Lichtschächte in die verbleibenden Strukturen integriert, die eine zusätzliche indirekte Belichtung der innenliegenden Bereiche ermöglichen.
Ein weiterer wesentlicher Eingriff betrifft die denkmalgeschützte Alte Wache, die zuvor in die Fassadenstruktur eingebunden war. Im Zuge des Umbaus wurde sie freigestellt und von der Gebäudehülle gelöst. Seither tritt sie als eigenständiges, abstrahiertes Element im Stadtraum in Erscheinung und markiert den Zugang zum neuen öffentlichen Sports Hub.
Erschließung
Durch die offene Erdgeschosszone ist nun eine Durchquerung in alle Richtungen möglich. Die vertikale Erschließung aller Geschosse erfolgt über drei außenliegende Treppenkerne, deren Positionierung beibehalten wurde. In den Obergeschossen wurde ein Laubengang ergänzt, der der Erschließung der einzelnen Wohneinheiten dient und zugleich Aufenthalts- und Begegnungsraum für die Bewohner darstellt.
Erdgeschosszone
Das Erdgeschoss übernimmt im neuen Nutzungskonzept die Rolle eines erweiterten Stadtraums. Zum Neupfarrplatz hin orientiert liegt der neue Eingang zum Sport Hub, markiert durch die freigestellte historische Alte Wache, die wie ein Portal zwischen Stadt und Gebäude vermittelt. Direkt angrenzend wurde der bereits bestehende Skater Treffpunkt um eine großzügige Flow-Skate-Bowl erweitert. In dem angrenzenden Glaskubus ist außerdem eine überdachte Halfpipe untergebracht, die frei genutzt werden kann. Beim Durchqueren des Erdgeschosses eröffnen sich Einblicke in die drei durchstoßenden Glaskuben, die das Geschehen im Sport Hub sichtbar machen und eine unmittelbare Teilhabe ermöglichen. Zwischen diesen Kuben ist ein Food Market angeordnet, der mit einem vielfältigen Angebot an Essenskiosken den Stadtraum belebt und sich an den Wochenenden bis in den südlich angrenzenden Wochenmarkt erweitert. Auf der rückwärtigen Seite des Gebäudes schließt sich schließlich die Active Area an, die ein breites Spektrum an niedrigschwelligen Outdoor-Aktivitäten anbietet und das Erdgeschoss als offenen, lebendigen Bewegungsraum für eine breite Öffentlichkeit ergänzt.
Untergeschoss
Der neue Sport Hub wird über den im Erdgeschoss angeordneten Eingangsbereich mit angeschlossenem Bistro erschlossen. Dieser fungiert als vorgelagerter Treffpunkt, an dem sich Besucherinnen und Besucher vor oder nach dem Sport stärken können. Die großzügigen Sitztreppen laden zudem dazu ein, das sportliche Geschehen als externe Beobachter zu verfolgen und den Ort auch unabhängig von einer aktiven Nutzung zu erleben. Von hier aus öffnet sich der Weg hinab in die Hangout Lounge. Unmittelbar angrenzend sind die Umkleidemöglichkeiten für die Besucherinnen und Besucher angeordnet. Daran anschließend folgen die Räume für Mitarbeitende sowie großzügige Lagerflächen, die entlang der rückwärtigen Gebäudeseite organisiert sind und eine klare funktionale Trennung gewährleisten. Die Sportflächen selbst sind gezielt unterhalb der Glaskuben verortet, wo die erforderlichen lichten Raumhöhen die Ausübung der Sportarten ermöglichen. Hier befinden sich der Basketball- und Soccer-Court, ein Padel-Court sowie ein Squash-Court. Unterhalb der im Erdgeschoss angeordneten Flow-Skate-Bowl öffnet sich eine Boulder-Area, die die organischen Rundungen der darüberliegenden Skatebowl aufnimmt und diese räumlich übersetzt. Die entstehenden Überhänge schaffen ideale Bedingungen für das Überhangklettern und machen die Konstruktion unmittelbar erlebbar. Abgerundet wird das Angebot durch einen offenen Trainingsbereich mit frei zugänglichen Krafttrainingsmöglichkeiten und integrierten Parkour-Elementen. Dieser ergänzt den Sport Hub als vielseitigen Bewegungs- und Aufenthaltsort und verbindet sportliche Aktivität mit informellem Aufenthalt.
Wohnen
Die neuen Wohnungen erstrecken sich vom ersten bis in das dritte Obergeschoss. Die Wohneinheiten durchstecken die weiterhin großen Gebäudetiefen in Ost-West-Ausrichtung und orientieren sich dabei am vorgegebenen 2,50-Meter-Raster. Auf dieser Grundlage entstehen zwei unterschiedliche Wohnmodule: ein Modul mit drei separat abtrennbaren Zimmern sowie ein weiteres mit zwei abtrennbaren Zimmern und einer dem gemeinschaftlich genutzten Wohnbereich zugeordneten Loggia. In der Mittelzone sind abwechselnd Lichtfugen und Servicekerne angeordnet. Dadurch wird der zentrale Gebäudebereich funktional genutzt und zugleich belichtet, während die tageslichtnahen Zonen an den Fassaden für individuelle Wohnräume und gemeinschaftliche Aufenthaltsbereiche vorgesehen sind. Insgesamt folgt das Wohnkonzept einer offenen räumlichen Organisation, die eine möglichst tiefe Belichtung der Raumabfolgen ermöglicht und den Charakter der durchgesteckten Wohnungen räumlich erfahrbar macht. Die Fensterfronten an der Ost- und Westseite lassen sich über großformatige Drehfenster weit öffnen. Auf diese Weise wird auch der vorgelagerte Laubengang als Aufenthalts- und Erweiterungsraum aktiviert. Durch die variierenden Drehrichtungen der Fensterflügel werden Kollisionen mit den entlang der Fassade verlaufenden Wänden vermieden, sodass alle drei Flügel vollständig geöffnet werden können und ein fließender Übergang zwischen Innen- und Außenraum entsteht.
Ausblick
So schließt sich der Rundgang durch ein Gebäude, das lange im Stillen verharrte und doch ein enormes Potenzial in sich trägt. Der Entwurf versteht sich als behutsamer, aber klarer Impuls: eine Möglichkeit, Wohnen, Sport und gemeinschaftliche Nutzung in einem gemeinsamen Gefüge zu vereinen, ohne dabei die Geschichte des Ortes oder seinen städtebaulichen Kontext aus dem Blick zu verlieren. Er macht sichtbar, welche Qualitäten bereits in bestehenden Strukturen angelegt sind und wie diese durch gezielte Eingriffe neu belebt, weitergedacht und nachhaltig in die Zukunft geführt werden können.
Beschreibung der Besonderheiten
Im Zentrum steht die geöffnete Erdgeschosszone, die den Stadtraum nicht mehr begrenzt, sondern durch das Gebäude hindurchfließen lässt. Der Neupfarrplatz wird so nicht nur erweitert, sondern neu vernetzt und es entsteht eine Stadtfigur, die Durchwegung, Begegnung und Bewegung als räumliches Prinzip versteht.
Dazwischen liegen die markanten Glaskuben als transluzente Schwellenräume. Sie machen die Verbindung ins Untergeschoss nicht nur sichtbar, sondern erlebbar. Licht fällt tief in die Struktur, während umgekehrt die unterirdischen Ebenen in den Stadtraum zurückwirken. Zwischen oben und unten entsteht ein spannender Dialog aus Blickachsen und Überlagerungen.
Als drittes Element transformiert sich der Baukörper in den Obergeschossen grundlegend. Aus dem ehemals geschlossenen Monolithen entwickeln sich zwei Zeilen, verbunden durch einen neu eingefügten Laubengang. Dieser wird zum sozialen Rückgrat des Wohnens, ein halböffentlicher Filterraum zwischen Intimität und Stadt, Bewegung und Aufenthalt. Die durchgesteckten Wohneinheiten reagieren auf die große Gebäudetiefe mit räumlicher Großzügigkeit und einem fein austarierten System aus Servicezonen und Lichtschächten. So entsteht Wohnraum, der die Dichte der Innenstadt nicht kompensiert, sondern produktiv nutzt.
Nachhaltigkeit
Schlagworte
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