Architekturobjekte
Nominiert fĂŒr die Shortlist der Jury 2026 - Nachwuchsarbeiten
Ran an den Bestand ! â Der Versuch einer prozessorientierten Leerstandsaktivierung. *im laÌndlichen Raum
Diese ObjektprÀsentation wurde angelegt von: Technische UniversitÀt Berlin, Architektur, Rico Reinold
Diese ObjektprÀsentation wurde angelegt von: Technische UniversitÀt Berlin, Architektur, Rico Reinold
Basisdaten zum Objekt
Lage des Objektes
Deutschland
Objektkategorie
Objektart
Art der BaumaĂnahme
Entwurfskonzept
Fertigstellungstermin
04.2026
Zeichnungen und Unterlagen
GebÀudedaten
Bauweise
Mauerwerksbau
Tragwerkskonstruktion
Ziegelmauerwerk
Anzahl der Vollgeschosse
2-geschossig
RaummaĂe und FlĂ€chen
NutzflÀche
58 m²
Kosten
Gesamtkosten der MaĂnahme (ohne GrundstĂŒck)
1.430 Euro
Beschreibung
Objektbeschreibung
Im Mittelpunkt steht kein fertiger Masterplan, sondern ein prozessorientierter Ansatz, der auf gemeinschaftlichem Handeln, praktischer Erprobung und einer sorgfĂ€ltigen Auseinandersetzung mit dem Bestand basiert. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie durch minimale und gezielte Eingriffe neue RĂ€ume fĂŒr Begegnung und Beteiligung entstehen können. Dabei steht insbesondere die Frage nach der Schwelle der Aktivierung im Fokus:â Wie viel Intervention ist notwendig, um neue Nutzungen anzustoĂen â und wie wenig genĂŒgt, damit Gemeinschaft entstehen kann?
Im Zentrum steht das Schlossareal Ebelsbach in Bayern, eine historisch gewachsene Anlage mit einer bewegten Vergangenheit. Nach Jahrzehnten wechselnder Nutzungen, Leerstands und einem verheerenden Brand im Jahr 2009 steht das Areal heute exemplarisch fĂŒr viele Herausforderungen lĂ€ndlicher Regionen:â historische GebĂ€ude verfallen, Ortskerne verlieren an Bedeutung und wichtige Treffpunkte fĂŒr das gemeinschaftliche Leben verschwinden. Gleichzeitig verfĂŒgen gerade diese Orte ĂŒber enorme Potenziale â rĂ€umlich, kulturell, aber auch sozial.
Ausgangspunkt ist die Ăberzeugung, dass nachhaltige Entwicklung vor Ort entsteht â durch Beobachtung, Nutzung, Austausch und gemeinsames Handeln. Deshalb begann die Untersuchung des Schlossareals mit der Besetzung der GebĂ€ude. Ăber mehrere Tage hinweg wurden die bislang kaum beachteten Wirtschafts- und NebengebĂ€ude intensiv erforscht, dokumentiert und erlebt. Eine zentrale Rolle spielte dabei die eigens entwickelte Drei-Ebenen-Methode. Sie verbindet objektive Bestandsaufnahme, subjektive Wahrnehmung und gemeinsame Reflexion. Neben 3D-Scans, Fotodokumentationen und Schadensanalysen wurden auch Lichtstimmungen, Akustik, Raumwirkungen und persönliche EindrĂŒcke festgehalten. Ziel war es, nicht nur zu verstehen, wie die GebĂ€ude gebaut sind, sondern auch, welche QualitĂ€ten in ihnen verborgen liegen. UnterstĂŒtzt wurde dieser Prozess durch eine mobile Untersuchungskapsel â einen temporĂ€ren Arbeits- und Aufenthaltsraum, der direkt in den GebĂ€uden aufgebaut wurde. Die Kapsel ermöglichte konzentriertes Arbeiten im Bestand und wurde gleichzeitig zum Symbol einer besonderen Haltung:â Erkenntnisse entstehen dort, wo man den Bestand unmittelbar erlebt und nutzt. Statt Distanz und Planung aus der Ferne standen unmittelbare Erfahrung und praktische Auseinandersetzung im Mittelpunkt.
Die Untersuchungen fĂŒhrten zu einer entscheidenden Erkenntnis:â FĂŒr die Reaktivierung des leerstehenden Schlossareals braucht es zunĂ€chst keinen vollstĂ€ndigen Wiederaufbau des gesamten Ensembles. Die Nutzung der Kapsel zeigt, dass bereits ein einzelner nutzbarer Raum Menschen zusammenbringen, Diskussionen anstoĂen und weitere Entwicklungen in Gang setzen kann. Nach einer umfassenden Analyse der verschiedenen GebĂ€ude fiel die Wahl auf das ehemalige VerwaltungsgebĂ€ude. Es befindet sich in vergleichsweise gutem baulichem Zustand, ist leicht zugĂ€nglich und bietet genĂŒgend Spielraum fĂŒr VerĂ€nderungen. Besonders wichtig war dabei, dass das GebĂ€ude bislang oft ĂŒbersehen wurde und sogar Abrissdiskussionen im Raum standen. Das Projekt schlĂ€gt bewusst einen anderen Weg ein:â Statt abzubrechen, soll das vermeintlich unscheinbare GebĂ€ude zum Ausgangspunkt einer neuen Entwicklung werden.
In enger Zusammenarbeit mit Fachleuten, der Gemeindeverwaltung und dem Verein provinz:âpotenzial e.V. wurde anschlieĂend ein erster Bereich im Erdgeschoss ausgewĂ€hlt. Drei miteinander verbundene RĂ€ume bilden heute den Kern der geplanten Reaktivierung. Sie bieten Platz fĂŒr Treffen, Workshops, Veranstaltungen und gemeinschaftliche AktivitĂ€ten und schaffen erstmals wieder einen öffentlich nutzbaren Innenraum auf dem Schlossareal. Die bauliche Umsetzung erfolgte ausschlieĂlich in Eigenleistung. UnterstĂŒtzt von ehrenamtlichen Helfenden wurden RĂ€ume entrĂŒmpelt, Fenster instand gesetzt, ZugĂ€nge freigelegt und einfache, flexible rĂ€umliche Interventionen entwickelt. Dabei kamen ĂŒberwiegend vorhandene oder recycelte Materialien zum Einsatz. Alle Eingriffe wurden bewusst reversibel geplant, um respektvoll mit dem Bestand umzugehen und zukĂŒnftige Entwicklungen offen zu halten.
Doch das Projekt versteht sich nicht nur als Bauvorhaben. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Menschen gemeinsam einen Ort gestalten können. Deshalb wurden drei zentrale Handlungsfelder definiert:â Planen, Bauen und Nutzen. Sie bilden einen offenen Werkzeugkasten fĂŒr alle, die sich einbringen möchten â unabhĂ€ngig davon, ob sie handwerklich arbeiten, Ideen entwickeln oder einfach Teil einer Gemeinschaft sein wollen. Der erste sichtbare Ausdruck dieser Haltung ist das Format der IdeenWerkstatt vor Ort im ehemaligen Verwaltungshaus. Sie bringt BĂŒrger:âinnen, Vereine, Verwaltung und Interessierte zusammen, um gemeinsam ĂŒber die Zukunft des Schlossareals nachzudenken. Dabei geht es nicht um fertige Lösungen, sondern um Austausch, Beteiligung und das Entwickeln gemeinsamer Perspektiven. Der Ort selbst wird dabei zur GesprĂ€chsperson:â Seine Geschichte, seine RĂ€ume und seine Potenziale bilden die Grundlage fĂŒr neue Ideen.
âRan an den Bestand!â zeigt, dass die Revitalisierung leerstehender GebĂ€ude nicht zwingend groĂe Investitionen oder perfekte Konzepte benötigt. Oft genĂŒgt ein erster Schritt, ein geöffneter Raum und eine Gruppe engagierter Menschen. Das Projekt versteht Leerstand nicht als Ende, sondern als Anfang eines gemeinsamen Prozesses. Es macht sichtbar, wie aus einem ungenutzten und leerstehenden GebĂ€ude ein Ort entstehen kann, der Begegnung ermöglicht, Verantwortung fördert und neue Perspektiven fĂŒr den lĂ€ndlichen Raum eröffnet. So wird das Schlossareal Ebelsbach nicht nur zu einem Beispiel fĂŒr den Umgang mit historischer Bausubstanz, sondern auch zu einem Modell dafĂŒr, wie Gemeinschaft, Engagement und rĂ€umliche Transformation zusammenwirken können. Von einem Raum â zu einem Haus â zu einem weiteren Haus â bis hin zum gesamten Areal.
Beschreibung der Besonderheiten
In den vergangenen Jahren wurde insbesondere der AuĂenraum des Areals durch Kulturveranstaltungen, kleinere BaumaĂnahmen und offene GesprĂ€che ĂŒber zukĂŒnftige Nutzungen aktiviert. Dabei wurde deutlich, dass das Areal ein groĂes Potenzial als Begegnungs- und Veranstaltungsort besitzt und vor allem die Dorfgemeinschaft stĂ€rkt.Â
Aufbauend auf den bisherigen Erfahrungen, Vernetzungen und GesprĂ€chen richtet sich der Blick nun konkret auf die historische Bausubstanz. Um die Revitalisierung und weitere Nutzung des Areals voranzutreiben, werden die BestandsgebĂ€ude genau untersucht, um sie langfristig in den Alltag der Ebelsbacher:âinnen zu integrieren. An dieser Stelle setzt diese Arbeit an.
Die Besonderheit der Arbeit liegt in ihrer prozessorientierten Vorgehensweise. Statt einen Endzustand zu definieren, werden schrittweise MaĂnahmen entwickelt, erprobt und reflektiert. Entscheidungen entstehen aus dem konkreten Handeln vor Ort und werden kontinuierlich an neue Erkenntnisse angepasst. Der Bestand wird dabei nicht nur untersucht, sondern als Reallabor verstanden, in dem rĂ€umliche, soziale und organisatorische Fragestellungen unmittelbar getestet werden können. Charakteristisch fĂŒr den Ansatz sind nutzbare Zwischenergebnisse, die bereits wĂ€hrend des Prozesses konkrete Mehrwerte schaffen und gleichzeitig die Grundlage fĂŒr weitere Entwicklungsschritte bilden.
Ein wesentlicher Bestandteil dieses Ansatzes ist die Umsetzung in Eigenleistung. Planung, Bau und Nutzung greifen ineinander und schaffen eine direkte Identifikation zwischen den Beteiligten und dem Ort. Die Transformation wird dadurch nicht nur sichtbar, sondern auch gemeinschaftlich getragen.
Ebenso wichtig ist die Dokumentation des Prozesses. Die Arbeit wurde bewusst als Buch entwickelt, um die einzelnen Schritte, Entscheidungen und Erkenntnisse nachvollziehbar darzustellen. Das Medium ermöglicht eine ehrliche Darstellung der Transformation â nicht als lineare Erfolgsgeschichte, sondern als offener Entwicklungsprozess mit ZwischenstĂ€nden, Umwegen und neuen Fragestellungen. ErgĂ€nzt wird die Dokumentation durch Recherchen, Interviews, Praxisbeispiele und konkrete Handlungsanleitungen, die den Prozess fachlich einordnen, Wissen zugĂ€nglich machen und Impulse fĂŒr vergleichbare Vorhaben liefern.
Die Arbeit erhebt keinen Anspruch auf VollstĂ€ndigkeit oder darauf, die eine perfekte Antwort zu liefern. Vielmehr soll sie dabei helfen, Hemmschwellen zu ĂŒberwinden und dazu ermutigen, leerstehende GebĂ€ude im lĂ€ndlichen Raum als gemeinschaftliche Orte neu zu denken und zu beleben. Gleichzeitig versteht sie sich als Ausgangspunkt fĂŒr weitere Schritte, die aktuell im Rahmen fortlaufender Projekte weitergefĂŒhrt werden. So entsteht ĂŒber einzelne Vorhaben hinaus ein kontinuierlicher Wissens- und Entwicklungsprozess, der das Schlossareal langfristig begleitet und weiterdenkt.
Energiekonzept & Bauökologie
Im Mittelpunkt steht dabei ein suffizienzorientierter Ansatz. Die Arbeit untersucht bewusst, wie viel Eingriff tatsĂ€chlich notwendig ist, um Nutzung zu ermöglichen und neue Entwicklungen anzustoĂen. Statt einer umfassenden Sanierung werden gezielte MaĂnahmen umgesetzt, die mit möglichst geringem Material- und Energieeinsatz einen unmittelbaren Mehrwert schaffen.Â
Die begleitende Wissensvermittlung durch Workshops, GesprĂ€che und Dokumentationen trĂ€gt dazu bei, Kenntnisse ĂŒber den Umgang mit BestandsgebĂ€uden zugĂ€nglich zu machen und BerĂŒhrungsĂ€ngste abzubauen. Nachhaltigkeit wird dabei nicht nur als technische, sondern auch als gesellschaftliche Aufgabe verstanden.
Alle baulichen Eingriffe folgen der PrĂ€misse der ReversibilitĂ€t. SĂ€mtliche Konstruktionen und Einbauten sind so konzipiert, dass sie rĂŒckgebaut, angepasst oder an anderer Stelle wiederverwendet werden können. Alle Verbindungen sind geklemmt, gesteckt, geschraubt oder genagelt.
Auch bei der Materialwahl wurde auf einen ressourcenschonenden Umgang geachtet. Wo immer möglich kamen vorhandene Materialien des Areals sowie recycelte Baustoffe oder Reste von vorherigen Bauaktionen zum Einsatz. Bestehendes wurde weiterverwendet, umgenutzt und in neue ZusammenhĂ€nge ĂŒberfĂŒhrt.
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