Architekturobjekte

Heinze ArchitekturAWARD 2026: Teilnehmer


MUTUA-BECOMING BY LIVING TOGETHER

Diese Objektpräsentation wurde angelegt von: TU-Dresden, Architektur und Landschaftsarchitektur, Jaleesa Menschel

Straßenperspektive - MUTUA-BECOMING BY LIVING TOGETHER

© Jaleesa Menschel

Narrative Beschreibung der Entwicklung mit Standortanalyse - MUTUA-BECOMING BY LIVING TOGETHER

© Jaleesa Menschel

Strukturelle Inspiration - MUTUA-BECOMING BY LIVING TOGETHER

© Jaleesa Menschel

Kollektives Miteinander, individueller Lebensraum: Gemeinschafts Raum - MUTUA-BECOMING BY LIVING TOGETHER

© Jaleesa Menschel

Gemeinschaftlich genutzte Vorzonen - MUTUA-BECOMING BY LIVING TOGETHER

© Jaleesa Menschel

Diese Objektpräsentation wurde angelegt von: TU-Dresden, Architektur und Landschaftsarchitektur, Jaleesa Menschel

Basisdaten zum Objekt

Lage des Objektes

Deutschland

Objektkategorie

Objektart

Art der Baumaßnahme

Entwurfskonzept

Fertigstellungstermin

03.2025

Gebäudedaten

Bauweise

Holzhybridbau

Tragwerkskonstruktion

Sonstige

Anzahl der Vollgeschosse

6- bis 10-geschossig

Beschreibung

Objektbeschreibung

Das Wort, das mir in den Sinn kommt, wenn ich mich dem Sendlinger Loch nähere:​ surreal. Vor mir liegt eine monumentale Baugrube, zwölf Meter tief, die Wasserfläche still wie ein Spiegel. Die präzise ausgeführten Bohrpfahlwände erscheinen wie eine strenge, architektonische Skulptur, durchzogen von blauen Befestigungsankern. Der Ort wirkt zugleich roh und kontemplativ. Hier verschwimmen die Grenzen zwischen Natur und Konstruktion, zwischen Gewachsenem und Gebautem – es entsteht eine fragile Harmonie, die den Ort wie ein unvollendetes Bild erscheinen lässt. 

SURREAL UND VOLLER POTENZIAL:​ DAS SENDLINGER LOCH
Dieses Spannungsverhältnis wird zum Ausgangspunkt des Konzepts. Die Tiefe der Grube wird nicht als Mangel, sondern als Ressource verstanden. In einer Stadt wie München, in der Wohnraum knapp ist, entsteht durch vertikale Nachverdichtung neuer Raum, ohne die Nachbar*innenschaft zu überbauen. Zwei Baukörper rahmen die Längsseiten der Baugrube und spannen dazwischen einen versunkenen Garten auf – einen geschützten, kühlen Ort für Erholung und Gemeinschaft. Die kurzen Seiten der Grube bleiben bewusst frei. Der rückwärtige Gebäuderiegel bietet langfristigen Wohnraum für Alleinerziehende, Kinder und Frauen über 65, während der straßenseitig gelegene Riegel temporäre Wohnungen für Menschen in Übergangssituationen, Studierende und Geflüchtete schafft. Ergänzt wird das Ensemble durch ein öffentlich zugängliches Gerüst – eine vertikale, durchlässige Struktur mit Gärten, Plattformen und Begegnungsorten. Es verbindet die Straßenebene mit den versunkenen Garten, vermittelt zwischen Öffentlichkeit und Rückzug.

BECOMING BY LIVING TOGETHER
Mutua ist ein Wohnkonzept, das Care-Arbeit kollektiv denkt, soziale Isolation aufbricht und selbstbestimmtes Wohnen für FLINTA-Personen stärkt. Der Name stammt vom spanischen mutualidad – ein Wort, das für »Gegenseitigkeit«, »Unterstützung« und gelebte Fürsorge steht. Architektur wird hier nicht als bloße Hülle verstanden, sondern als soziales Gefüge, das den Alltag mitträgt und Strukturen schafft, in denen Hilfe zur Selbsthilfe möglich wird.  Ausgangspunkt ist die oft unsichtbare, häufig weiblich geprägte Form relativer Armut in Deutschland. Laut einer Studie des Paritätischen Gesamtverbands aus dem Jahr 2024 sind besonders Frauen über 65, alleinerziehende Mütter und Kinder von relativer Armut betroffen. Diese zeigt sich nicht nur im Mangel an Nahrung und Wohnraum, sondern vor allem auch in struktureller Isolation. Klassische Wohnformen orientieren sich meist an der konventionellen Kernfamilie – zwei Erwachsene, die sich Erwerbs- und Sorgearbeit teilen. Wer aus diesem Modell herausfällt, wird schnell an die Ränder gedrängt. Sorgearbeit bleibt an Einzelpersonen gebunden und ist eng mit dem privaten Wohnraum verknüpft. Dadurch wird der Zugang zu sozialer Teilhabe und Erwerbsarbeit erschwert. Soziolog*innen beschreiben Armut daher als einen sich selbst verstärkenden Zyklus, geprägt von Scham, Fatalismus und Resignation. Das Zuhause wird so zum Schutzraum – oft aber auch zur Falle. Genau hier setzt Mutua an:​ Tätigkeiten wie Kochen, Waschen oder Kinderbetreuung werden geteilt – so entsteht Entlastung im Alltag und ein Gefühl geteilter Verantwortung. Die Trennung von Privatem und Öffentlichem wird aufgehoben, es entstehen fließende Räume, in denen beides seinen Platz findet. In den oberen Geschossen steht geteilte Fürsorge im Mittelpunkt jeder Wohneinheit. Großzügige, gemeinschaftliche Wohnformen schaffen Raum für Mehrgenerationen-WGs oder Alleinerziehende, in denen sich ein unterstützendes Netzwerk bildet und der Alltag gemeinsam bewältigt wird. In den mittleren Geschossen hingegen sind die Wohnungen eigenständiger und autark konzipiert. Dennoch verfügen sie über vorgelagerte Gemeinschaftszonen mit kollektiven Küchen, die die Etagen zonieren und ungezwungenen Austausch sowie gemeinsames Leben ermöglichen, ohne zu verpflichten. Rückzugsorte bleiben dabei zentral:​ Jede Wohnung bietet Raum für Ruhe und Nähe – für Mütter allein oder gemeinsam mit Kind. Gleichzeitig wächst hier die Möglichkeit, im gemeinsamen Wohnzimmer Fürsorge zu teilen, während Kinder spielen oder lernen, wenn der Alltag es verlangt. 

ROUGH STRUCTURE, SOFT CORE
Die Architektur nimmt die rohe und provisorische Sprache der Baustelle auf:​ Bauzäune, Schalungstafeln, Gerüste und Stützmauern– Symbole des Übergangs – werden gestalterisch neu interpretiert. Massive Schotten treffen auf eine leichte, offene Strukturen aus Holz und Stahl. Wiederholung, Raster, Pragmatismus werden zur Ästhetik der Dauerhaftigkeit. Als Gegenpol dazu steht der versunkene Garten:​ weich, grün, lebendig. Er bricht die Strenge der Konstruktion, greift den Wildwuchs des Ortes auf und wächst aus der Tiefe zurück in den Stadtraum. Regenwasser wird gesammelt und zur Bewässerung genutzt, der Garten wird Teil eines ökologischen Kreislaufs.

Das Sendlinger Loch bleibt rau, bleibt anders - aber wird lebendig. Es wird zu einem Ort, der nicht nur auf vergangene Leere antwortet, sondern neue Formen des Miteinanders möglich macht.
 

Beschreibung der Besonderheiten

MUTUA versteht die 12 Meter tiefe Baugrube des Sendlinger Lochs nicht als städtebauliches Defizit, sondern als räumliche Ressource. Durch vertikale Nachverdichtung entsteht ein neuer Wohn- und Lebensraum, der die außergewöhnliche Topografie des Ortes bewahrt und in einen versunkenen Garten transformiert. Das Projekt setzt sich mit Wohnen als sozialem Gefüge auseinander und reagiert auf die häufig unsichtbaren Folgen relativer Armut. Im Fokus stehen insbesondere Frauen im Rentenalter, Alleinerziehende und Kinder. Durch gemeinschaftliche Wohnformen und geteilte Infrastrukturen entstehen Räume für Unterstützung, Teilhabe und selbstbestimmtes Zusammenleben.

Gestalterisch greift MUTUA die rohe Ästhetik der Baustelle auf und übersetzt Elemente wie Gerüste, Schalungen und Stützwände in eine dauerhafte Architektur. Dem robusten Äußeren steht ein geschützter, grüner Innenraum gegenüber. So entsteht ein Ort, der ökologische, soziale und räumliche Transformation miteinander verbindet und neue Perspektiven für das gemeinschaftliche Wohnen von morgen aufzeigt.

Auszeichnungen

Besondere Anerkennung: BDA-SARP-Award 2025

Studienpreis Konrad Wachsmann 2025

Schlagworte

Umbau, Umstrukturierung, Prozesshaft, Nachbarschaft, Sozialer Wohnungsbau, Mehrgenerationen-Wohnen, Mehrgenerationenwohnen, Co-Housing, Care, Sendlingerloch

Objektdetails

Gebäudespezifische Merkmale

Anzahl Betten

212

 

Anzahl Wohneinheiten

120

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