Architekturobjekt 2 von 1.442

Architekturobjekte

Heinze ArchitekturAWARD 2026: Teilnehmer


LevelUp - das Chancenhaus

Diese Objektpräsentation wurde angelegt von: TU Wien, Architektur, Sven Neubauer

Modellbild Straßenansicht Lacknergasse - LevelUp - das Chancenhaus

© Sven Neubauer und Karla Reuter

Tageszentrum mit Stadtteilcafe - LevelUp - das Chancenhaus

© Sven Neubauer und Karla Reuter

Reinterpretation des Mittelflures als Mitte der Gemeinschaft - LevelUp - das Chancenhaus

© Sven Neubauer und Karla Reuter

Projektraum mit Blick auf Dachgarten - LevelUp - das Chancenhaus

© Sven Neubauer und Karla Reuter

Modellbild Innenhof - LevelUp - das Chancenhaus

© Sven Neubauer und Karla Reuter

Modellbild Fassade Lacknergasse - LevelUp - das Chancenhaus

© Sven Neubauer und Karla Reuter

Diese Objektpräsentation wurde angelegt von: TU Wien, Architektur, Sven Neubauer

Basisdaten zum Objekt

Lage des Objektes

Österreich

Objektkategorie

Objektart

Art der Baumaßnahme

Entwurfskonzept

Fertigstellungstermin

02.2026

Gebäudedaten

Bauweise

Holzbau

Tragwerkskonstruktion

Holz

Anzahl der Vollgeschosse

3- bis 5-geschossig

Beschreibung

Objektbeschreibung

Entwurfsaufgabe:​
Der Entwurf entstand im Rahmen der proHolz Student Trophy 26, einem internationalen Studierendenwettbewerb zum Thema „Timber on Top – Aufstockung im urbanen Bestand“. Für den Wiener Bauplatz wurde die Erweiterung des ehemaligen Wohnhauses St. Josef in der Lacknergasse 98 untersucht – eines von Jože Plečnik entworfenen Gebäudes aus dem Jahr 1907, das zuletzt als Einrichtung für wohnungs- und obdachlose Menschen genutzt wurde.
Aufgabe war die Entwicklung einer zwei- bis dreigeschossigen Holzaufstockung, die zusätzlichen Raum für Wohnen, Betreuung und Gemeinschaft schafft und gleichzeitig den denkmalgeschützten Bestand respektvoll weiterbaut. Besonderes Augenmerk lag auf der Einbindung in den städtebaulichen Kontext, der Erhaltung des architektonischen Charakters sowie auf ressourcenschonenden Holzbaulösungen für die urbane Nachverdichtung.
Neben der architektonischen und sozialen Qualität waren auch Fragen der Vorfertigung, der Bauphasenplanung und einer potenziellen Umsetzung bei möglichst geringen Einschränkungen der Nutzung Teil der Entwurfsaufgabe. Ziel war es, den Bestand als Ressource zu verstehen, zusätzlichen Raum zu schaffen und einen langfristigen Mehrwert für Nutzende, Gebäude und Stadtgesellschaft zu generieren.

Umsetzung:​

AKTIVER SOZIALER ÜBERGANGSRAUM
Obdachlosigkeit ist eine Herausforderung, die insbesondere in Haupt- und Großstädten soziale Fragen aufwirft. Hilfsangebote, auch räumliche, sollten vor allem die langfristige Wiedereingliederung der obdachlosen Menschen in die Gesellschaft anstreben. Besonders dramatisch ist der Blick auf die statistischen Zahlen:​ In Wien sind 24 % der obdachlosen Menschen jünger als 24 Jahre, weitere 27 % unter 44. Diese Erkenntnis wird Ausgangspunkt der Programmierung:​
In zwei Wohnkonzepten bietet das levelUP Hilfe für Obdachlose an:​ 1. das integrative Wohnen mit einer Wohndauer von 3-6 Monaten, und 2. das reintegrative Wohnen mit einer Wohndauer von 6-18 Monaten. Diese Staffelung bildet sich räumlich im Gebäude ab und ermöglicht einen schrittweisen Übergang in ein eigenständiges Leben. Gleichzeitig knüpft diese Ausrichtung auf junge Menschen an die Grundidee des Hauses als Schutzstation für Jugendliche und Kinder an.
BEGEGNUNGSORT IM GRÄTZL
Ein Teil der (Re-)Integration ist die Interaktion mit Mitmenschen. Dafür wird das Erdgeschoss als offenes Stadtteilcafé mit Tageszentrum ausgebildet, in dem Essensangebote, Beratungen und Grundversorgung niederschwellig in Anspruch genommen werden können. Der Raum wird zur Herz des Gebäudes, und belebt gleichzeitig den angrenzenden Garten, der sich über eine großzügige Sitztreppe öffnet.
Über das neue Treppenhaus gelangt man in die Wohngeschosse. Analog zum Bestandsgebäude ist der Mittelflur ein wichtiges räumliches Element, jedoch wird er durch Möblierung, Tageslichtöffnungen und angrenzende Nutzungen (Aktionsräume, Treppenbibliothek, Wohnküchen) deutlich aufgewertet. Im Dachgeschoss stehen Projekträume für Kreativ-, Sozial- und Lernangebote zur Verfügung, die hausintern und -extern genutzt werden können. Von hier aus hat man nicht nur den Blick über den Türkenschanzpark, sondern auch einen starken Bezug auf die Dachterrasse zum Innenhof. Die Bedeutung des Stadtteilcafés am Haupteingang und der Projekträume wird nach außen durch die beiden Gauben sichtbar.
REDUKTION IM PRIVATEN – GROßZÜGIGKEIT IM GEMEINSAMEN
Die Privaträume werden als kompakte, private Einheit verstanden. Jeder Raum verfügt über Tageslicht, bereits vorhandene Möblierung und wird durch eine vorgelagerte Vorzone ergänzt, in der Pantry, Garderobe und Sanitärräume organisiert sind. Diese Übergangszone dient als Filter zwischen Gemeinschaft und Rückzug. Durch die Verringerung des persönlichen Raums ist es möglich, den Bewohnern Einzelzimmer anzubieten, und großzügige Gemeinschaftsräume vorzusehen. Ein kleiner persönlicher Bereich ist auch aus pädagogischen Gründen (keine Überforderung) und hinsichtlich der wenigen Besitztümer der Bewohnenden sinnvoll.
KONSTRUKTION IN HOLZ
Die bauliche Intervention erfolgt als Holzaufstockung in Systembauweise. Der massive Bestand bleibt weitgehend erhalten. Eingriffe erfolgen nach der 3-R-Regel:​ Reduce, Reuse, Recycle. Das Denken im Planungs- und Materialkreislauf ist die Grundlage unserer Arbeit.
Zentrales konstruktives Element ist eine innenliegende Stahlkonsole (L-Profil), die vor Rückbau des Dachs als Ringanker montiert wird. Sie dient als Deckenauflager für die neue BSP-Geschossdecke und leitet sämtliche Lasten der Aufstockung in das bestehende Mauerwerk ab. Diese Maßnahme ist notwendig, um ebengleich an die seitlichen Bestandsfassaden anzubauen. Die Ausbildung erfolgt biegesteif und ermöglicht einen schnellen Bauablauf im laufenden Betrieb.
Die Aufstockungsgeschosse werden in 2D-vorgefertigter Holzrahmen- und Brettsperrholzbauweise errichtet. Die Geschossdecken bestehen aus 220 mm starken, fünflagigen BSP-Elementen. Tragende Bauteile wie Unterzüge und Mittelpfetten werden aus Brettschichtholz ausgebildet. Die neue Struktur folgt den Bestands-Tragachsen:​ Geschossdecken wirken als horizontale Scheiben und steifen gemeinsam mit den BSP-Wänden das System aus. Außenwand und Dach sind in gedämmter Holzständerbauweise ausgeführt. Das Dach ist ein Pfettendachstuhl.
Die Fassaden der Aufstockung bestehen aus diffusionsoffenen Holzständerwänden mit Zellulosedämmung und mineralischem Putzaufbau. Brandwände zu den Nachbargebäuden werden in Mauerwerk ausgeführt. Der konstruktive Holzschutz wird durch Überdeckung und brandschutztechnisch wirksame Bekleidungen gewährleistet. Die Aufbauten und Anschlussdetails sind sortenrein rückbaubar konstruiert, zum Beispiel über ein Blindstockelement bei den Fenstern.
BAUEN IM BETRIEB
Die Errichtung im laufenden Betrieb minimiert die Beeinträchtigung der Nutzenden. Durch die hohe Vorfertigung wird die Bauzeit verkürzt. Der Rückbau und die Schließung des Bestandsdach erfolgt in mehreren Segmenten, sodass jeweils nur ein Teil des Betriebs, während der Arbeiten pausiert werden muss.
Der Bauablauf erfolgt in drei wesentlichen Schritten:​ 1. Ertüchtigung des Bestandsmauerwerks und Montage der Stahlkonsolen. 2. Segmentweiser Rückbau der Bestandsdecke unter Schutz des denkmalgeschützten Vordachs. 3. Just-in-time-Montage der neuen BSP-Decke und anschließende Errichtung der Aufstockung in vorgefertigter Holzsystembauweise.
MATERIALKREISLAUF UND RÜCKBAUBARKEIT
Das Gebäude wird als Material- und CO₂-Speicher gedacht. Neue Bauteile sind materialgerecht gefügt und wartungsarm ausgeführt. Die Planung ist auf spätere Umnutzung vorbereitet; eine mögliche Transformation in eine Schulerweiterung ist bereits konzeptionell berücksichtigt:​ Die Struktur ist nutzungsneutral gedacht und Innenwände ohne statische Funktion sind als Holzständerwände ausgeführt, sodass sie veränderbar bei Nutzungsanpassungen bleiben.
MEHRDIMENSIONALE NACHHALTIGKEITSSTRATEGIE
Nachhaltigkeit wird auf mehreren Ebenen verstanden:​ 1. Sozial:​ Architektur als Stabilisierung und Sprungbrett. 2. Ökologisch nachhaltig:​ Holzbau, Zellulosedämmung, Lehm- und Kalkputze. 3. Konstruktiv nachhaltig:​ Rückbaubarkeit, Materialkreislauf, geringe Eingriffe in den Bestand. 4. Städtebaulich nachhaltig:​ Öffnung in das Quartier und Schaffung öffentlicher Begegnungsräume.
levelUP zeigt, wie Denkmal, Holzbau und soziale Infrastruktur zusammengeführt werden können. Ein Chancenhaus für junge Menschen – und ein Gebäude mit Zukunftsperspektive.
 

Beschreibung der Besonderheiten

Die funktionale Organisation des levelUP bildet den sozialen Integrationsprozess seiner Bewohnenden räumlich ab. Das Haus versteht sich nicht als reine Unterkunft, sondern als Chancenhaus, das den Übergang in ein selbstständiges Leben unterstützt. Hierfür werden zwei Wohnformen angeboten:​ das integrative Wohnen für den unmittelbaren Einstieg sowie das reintegrative Wohnen als nächster Schritt auf dem Weg in eigenständige Wohnverhältnisse. Diese Staffelung spiegelt sich auch in der räumlichen Organisation des Gebäudes wider.
Die Privaträume sind bewusst kompakt gehalten und auf die wesentlichen Bedürfnisse des Wohnens reduziert. Jedem Zimmer ist eine Vorzone mit Pantry, Garderobe und Sanitärbereich vorgelagert. Diese fungiert als räumlicher Filter zwischen Rückzug und Gemeinschaft und ermöglicht trotz geringer Wohnfläche ein hohes Maß an Privatheit. Gleichzeitig entstehen großzügige Gemeinschaftsbereiche, die Begegnung, gegenseitige Unterstützung und soziale Teilhabe fördern.
Eine zentrale Rolle übernimmt der Mittelflur. Er wird nicht als reine Erschließungsfläche verstanden, sondern durch Wohnküchen, Aufenthaltsbereiche, Tageslichtöffnungen und Lernangebote aktiviert. Dadurch entsteht ein sozialer Übergangsraum, der informelle Begegnungen fördert und den Alltag der Bewohnenden strukturiert.
Das Erdgeschoss öffnet sich mit einem Stadtteilcafé und einem Tageszentrum bewusst zum Quartier. Beratungsangebote, Grundversorgung und gemeinschaftliche Aktivitäten werden niederschwellig zugänglich gemacht und schaffen Berührungspunkte zwischen Bewohnenden und Nachbarschaft. Im Dachgeschoss ergänzen flexibel nutzbare Projekt- und Lernräume das Angebot. Diese können sowohl hausintern als auch durch externe Initiativen genutzt werden und stärken die Vernetzung des Hauses mit dem Grätzel.
Die Tragstruktur und Grundrissorganisation sind darüber hinaus auf langfristige Anpassungsfähigkeit ausgelegt. Nichttragende Innenwände können rückgebaut oder verändert werden, wodurch eine spätere Umnutzung – beispielsweise als Schulerweiterung – möglich bleibt.

Nachhaltigkeit

Das Energie- und Materialkonzept von levelUP basiert auf einer Kombination aus Suffizienz, Konsistenz und Kreislaufwirtschaft. Ausgangspunkt ist der Erhalt des Bestandsgebäudes als wertvolle Ressource. Durch die Aufstockung anstelle eines Neubaus werden graue Energie und bestehende Bausubstanz erhalten sowie Flächenverbrauch und Abbruch minimiert.
Die neue Konstruktion wird überwiegend in Holzbauweise ausgeführt. Holz dient dabei nicht nur als nachwachsender Rohstoff, sondern auch als langfristiger CO₂-Speicher. Ergänzt wird die Konstruktion durch Zellulosedämmung, Holzfaserdämmplatten sowie Lehm- und Kalkputze. Die verwendeten Materialien sind schadstoffarm, diffusionsoffen und weitgehend biobasiert.
Ein wesentliches Ziel des Entwurfs ist die sortenreine Trennbarkeit der Bauteile. Die Konstruktion folgt dem Prinzip „Reduce – Reuse – Recycle“ und ist so gefügt, dass Bauteile rückgebaut, wiederverwendet oder stofflich verwertet werden können. Wiederverwendete Materialien aus dem Bestand sowie die Vorbereitung auf spätere Nutzungsänderungen unterstützen diesen Ansatz zusätzlich.
Auch die räumliche Organisation folgt dem Gedanken der Suffizienz:​ Kompakte Privaträume werden durch großzügige gemeinschaftliche Bereiche ergänzt. Dadurch wird der individuelle Flächenbedarf reduziert und gleichzeitig die soziale Qualität des Gebäudes erhöht.
Die Tragstruktur und Grundrissorganisation sind darüber hinaus auf langfristige Anpassungsfähigkeit ausgelegt. Nichttragende Innenwände können verändert oder rückgebaut werden, wodurch eine spätere Umnutzung – beispielsweise als Schulerweiterung – ermöglicht wird. Das Gebäude wird damit als langfristig nutzbare und zirkuläre Ressource verstanden.

Schlagworte

Obdachlosenheim, Holzbau, Bauen im Bestand, Ressoucenschonung, Kreislaufwirtschaft, Nachhaltigkeit, Umnutzung

Energetische Kennwerte

Energiestandard

Sonstiges

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