Architekturobjekte
Heinze ArchitekturAWARD 2026: Teilnehmer
Arbeitendes Haus – Suffiziente Transformation eines Bremer Kleinsthauses
Diese Objektpräsentation wurde angelegt von: Technische Universität Wien, Fakultät für Architektur und Raumplanung, Forschungsbereich Hochbau und Entwerfen E253-04, Aurelia Goldlücke
Diese Objektpräsentation wurde angelegt von: Technische Universität Wien, Fakultät für Architektur und Raumplanung, Forschungsbereich Hochbau und Entwerfen E253-04, Aurelia Goldlücke
Basisdaten zum Objekt
Lage des Objektes
Deutschland
Objektkategorie
Objektart
Art der Baumaßnahme
Entwurfskonzept
Fertigstellungstermin
04.2026
Zeichnungen und Unterlagen
Gebäudedaten
Bauweise
Holzbau
Tragwerkskonstruktion
Holz
Anzahl der Vollgeschosse
2-geschossig
Raummaße und Flächen
Nutzfläche
106 m²
Beschreibung
Objektbeschreibung
Ausgangspunkt des Entwurfs ist eines der wenigen verbliebenen eingeschossigen Kleinsthäuser im Heimatviertel. Von ehemals rund dreihundert Häusern dieser Typologie sind nur noch wenige erhalten. Das gewählte Haus ist damit nicht nur baulicher Bestand, sondern Träger einer vielschichtigen Geschichte: Arbeitersiedlung, Kriegszerstörung, Wiederaufbau, Selbsthilfe, Aneignung und fortwährende Anpassung. Es erzählt von einer Architektur, die nie abgeschlossen war, sondern immer wieder repariert, erweitert und umgedeutet wurde.
Die gestellte Bauaufgabe lag darin, dieses kleine Haus nicht als Relikt zu konservieren und auch nicht durch einen Ersatzneubau zu überschreiben, sondern seine vorhandenen Qualitäten als Ressource zu begreifen. In Zeiten von Klimakrise, Ressourcenknappheit und steigendem Wohnraumbedarf rückt die Frage nach dem rechten Maß in den Vordergrund. Suffizienz bedeutet hier nicht Verzicht, sondern die Suche nach einer anderen Fülle: nach Licht, Luft, Gebrauch, Anpassungsfähigkeit und sozialer Nähe. Das Kleine wird nicht als Mangel gelesen, sondern als Ausgangspunkt für räumliche Präzision.
Der Entwurf löst die Aufgabe durch ein Weiterbauen in mehreren Schichten. Der vorhandene Baukörper bleibt als Ausgangspunkt lesbar. Seine einfache Struktur, seine Maßstäblichkeit und seine konstruktive Logik werden nicht negiert, sondern fortgeschrieben. Ergänzende Eingriffe setzen dort an, wo der Bestand an seine Grenzen stößt: bei Belichtung, Belüftung, räumlicher Enge, energetischer Anpassung und der fehlenden Trennung beziehungsweise Verbindung unterschiedlicher Lebensbereiche.
Ein zentrales Element ist die Ausbildung einer neuen Zwischenzone. Sie wirkt als klimatischer Puffer, als räumliche Erweiterung und als Schwelle zwischen innen und außen. Dieser Bereich vermittelt zwischen privatem Rückzug und gemeinschaftlicher Offenheit. Er verbessert das Raumklima, bringt Licht und Luft tief in das Haus und schafft zugleich einen Ort, der mehr sein kann als Erschließung: ein Aufenthaltsraum, ein Arbeitsraum, ein Übergang, ein stiller sozialer Raum.
Im Inneren wird das Haus nicht auf eine einzige Lebensform festgelegt. Flexible Grundrisse, mehrdeutige Räume und multifunktionale Einbauten ermöglichen unterschiedliche Wohnszenarien. Das Haus kann klein bleiben oder wachsen, allein genutzt oder geteilt werden, Wohnen und Arbeiten verbinden, Rückzug erlauben und Gemeinschaft zulassen. Bewegliche Elemente, Podeste, Schwingtüren und kompakte Einbauten erweitern die Nutzbarkeit des begrenzten Raums, ohne ihn zu überfrachten. Aus der Enge entsteht nicht Verdichtung um jeden Preis, sondern räumliche Großzügigkeit durch Mehrfachfunktion.
Auch konstruktiv folgt der Entwurf einer Haltung der Einfachheit und Dauerhaftigkeit. Bestehende Bauteile werden erhalten, wo sie tragfähig sind, Materialien weiterverwendet, wo sie Teil der Geschichte bleiben können. Neue Eingriffe sind so gedacht, dass sie lesbar, reparierbar und langfristig anpassbar bleiben. Das Haus soll nicht perfekt abgeschlossen sein, sondern mit seinen Bewohner:innen weiterlernen können. Es versteht sich als offene Struktur, die zukünftige Veränderungen nicht verhindert, sondern vorbereitet.
Das „Arbeitende Haus“ ist damit mehr als die Erweiterung eines einzelnen Kleinsthauses. Es ist ein Modell für eine mögliche Bauwende im Kleinen. Es zeigt, wie Nachverdichtung, Ressourcenschonung und soziale Nachhaltigkeit aus dem Bestand heraus entwickelt werden können. Die Transformation sucht nicht den Bruch, sondern die Synthese: zwischen Alt und Neu, zwischen Haus und Quartier, zwischen Privatheit und Nachbarschaft, zwischen materieller Sparsamkeit und räumlichem Reichtum.
So wird das Bremer Kleinsthaus zum Medium einer fortlaufenden Geschichte. Es bleibt nicht stehen, sondern arbeitet weiter: an sich selbst, mit seinen Bewohner:innen und am Quartier. Das „Arbeitende Haus“ schlägt eine Architektur vor, die nicht möglichst viel neu baut, sondern genauer hinsieht; die nicht maximiert, sondern aktiviert; die nicht abschließt, sondern Möglichkeiten offenhält. Es ist ein Plädoyer dafür, das Vorhandene radikal ernst zu nehmen – und darin das Potenzial für eine andere, suffiziente Zukunft des Wohnens zu erkennen.
Beschreibung der Besonderheiten
Im Zentrum steht die Frage, wie auf engem Raum unterschiedliche Lebenssituationen möglich werden können. Der Grundriss wird deshalb nicht als starre Raumabfolge verstanden, sondern als veränderbares Gefüge, das sich an verschiedene Lebenszyklen anpassen kann. Das Haus kann zunächst einer Einzelperson oder einem Paar dienen, später einer Familie Raum geben, gemeinschaftliches Wohnen ermöglichen oder im Alter wieder in kleinere, überschaubare Einheiten zurückgeführt werden. Es reagiert damit nicht auf einen idealisierten, einmaligen Wohnzustand, sondern auf das Leben als Prozess: auf Wachstum und Rückzug, auf Nähe und Distanz, auf Phasen des Teilens und Phasen des Alleinseins.
Diese Flexibilität wird durch eine einfache, aber präzise räumliche Logik ermöglicht. Türen, textile Raumtrennungen, Podeste und Einbauten strukturieren das Haus temporär. Räume können zusammengeschaltet, abgetrennt, geöffnet oder verdichtet werden. So entstehen unterschiedliche Zustände: ein offenes Erdgeschoss für gemeinschaftliche Nutzung, Arbeiten oder größere Tätigkeiten; ein stärker gegliederter Wohnbereich für Rückzug; oder kleinere, unabhängige Einheiten für unterschiedliche Haushaltsformen. Der Grundriss wird damit nicht als endgültige Setzung verstanden, sondern als Angebot zur Aneignung.
Eine besondere Rolle übernimmt dabei die Erschließung. Das Haus bleibt weiterhin von der Straße und vom Garten aus zugänglich, doch die räumliche Abfolge wird neu gelesen. Der Weg führt nicht mehr unmittelbar vom öffentlichen Raum in das Private, sondern durch vermittelnde Schwellen. Die Pufferzone übernimmt dabei mehrere Funktionen zugleich: Sie erschließt, belichtet, belüftet, schützt und vermittelt. Sie ist klimatischer Zwischenraum, sozialer Filter und räumliche Erweiterung. Damit verschiebt sich die Grenze zwischen Straße, Haus und Garten. Das Erdgeschoss kann bewohnt werden, ohne sich der Straße vollständig auszuliefern, und es kann sich zugleich öffnen, ohne privat vollständig preisgegeben zu werden.
Die innere Raffinesse des Entwurfs zeigt sich besonders in den kleinmaßstäblichen Bauteilen. Die 180°-Schwingtür ist mehr als eine Tür: Sie verschiebt Raumgrenzen. Je nach Stellung definiert sie neue Zonen, verbindet Bereiche oder trennt sie. Sie macht den Grundriss verhandelbar und erlaubt es, dass ein Raum verschiedene Rollen einnimmt. Die Tür wird damit zu einem beweglichen Werkzeug des Wohnens – ein einfaches Element, das die räumliche Ordnung verändert, ohne zusätzliche Fläche zu benötigen.
Auch die Kücheneinheit folgt diesem Prinzip der Mehrfachfunktion. Sie ist im Alltag Küche, kann sich jedoch in eine temporäre Nasszelle verwandeln. Die Arbeitsplatte klappt auf, das Waschbecken wird entnommen, der Wasserhahn dreht sich, und aus der Küchenzeile entsteht ein Duschbereich. Tür und Podest arbeiten dabei mit: Die Tür schließt den Bereich ab, das Podest wird zur Schwelle und zum Wasserstopp. Die technische Lösung bleibt einfach und nachvollziehbar, aber ihre Wirkung ist groß. Es entsteht kein zusätzlicher Raum, sondern eine zusätzliche Möglichkeit.
Diese Mehrfachcodierung zieht sich durch das gesamte Haus. Podeste sind nicht nur Höhenversprünge, sondern Stauraum, Sitzfläche, Schwelle oder wasserführendes Element. Wände und Einbauten sind nicht nur Trennung, sondern Aktivierung. Selbst technische Elemente wie Entwässerung oder Materialführung werden nicht versteckt, sondern als Teil der räumlichen Logik verstanden. Die Raffinesse liegt darin, dass jedes Element arbeitet – nicht isoliert, sondern im Zusammenspiel mit den anderen.
Funktional entsteht dadurch ein Haus, das auf wechselnde Anforderungen reagieren kann. Es kann alleine, gemeinschaftlich, generationenübergreifend oder teilweise öffentlich genutzt werden. Wohnen, Arbeiten, Rückzug und Begegnung müssen nicht räumlich voneinander getrennt werden, sondern können sich überlagern. Die flexible Grundrissstruktur erlaubt es, das Haus immer wieder neu zu lesen: als kleines Haus, als geteiltes Haus, als Haus mit Arbeitsraum, als Haus für viele Leben. Diese Offenheit ist keine Unentschiedenheit, sondern eine bewusste Strategie. Das Haus wird nicht für einen einzigen Lebensentwurf optimiert, sondern für Veränderungen vorbereitet.
Die Besonderheit des „Arbeitenden Hauses“ liegt somit in seiner leisen Präzision. Es maximiert nicht, sondern aktiviert. Es verbraucht Raum nicht, sondern teilt ihn. Seine funktionale Qualität entsteht aus einfachen, veränderbaren und reparierbaren Elementen, die im Alltag unterschiedliche Zustände ermöglichen. So wird das kleine Bremer Haus zu einer anpassungsfähigen Struktur, die mit ihren Bewohner:innen arbeitet – und in der Suffizienz nicht als Einschränkung, sondern als räumliche Intelligenz erfahrbar wird.
Nachhaltigkeit
Im Zentrum steht Suffizienz als räumliche und konstruktive Haltung. Nicht mehr Material, Technik oder Fläche erzeugen Qualität, sondern die präzise Aktivierung des Vorhandenen. Die neue Pufferzone verbessert Belichtung, Belüftung und thermische Übergänge und stärkt damit das Haus mit einfachen, low-tech-orientierten Mitteln. Energie wird nicht nur durch Dämmung gespart, sondern vor allem durch kluge Raumorganisation, kompakte Nutzung und die Verlängerung der Lebensdauer des Bestands.
Ergänzend nutzt das Konzept die vorhandenen Dachflächen als aktive Ressource. Photovoltaik auf dem Dach unterstützt eine dezentrale Energiegewinnung, während Regenwasser gesammelt und gespeichert werden kann. So werden solare Energie und Wasser nicht als nachträgliche technische Zusätze verstanden, sondern als Teil einer einfachen, ressourcenschonenden Hauslogik.
Materialien werden nach Herkunft, Reparierbarkeit, Lösbarkeit und Weiterverwendbarkeit ausgewählt. Neue Bauteile sind möglichst reversibel gefügt, damit zukünftige Anpassungen möglich bleiben. Wo Dämmung oder ergänzende Schichten notwendig werden, kommen bevorzugt nachwachsende, regionale oder wiederverwendete Materialien zum Einsatz. Die Auseinandersetzung mit Jute verweist dabei auf die Geschichte des Ortes und übersetzt sie in eine zirkuläre Materialstrategie: Ein ehemaliger Rohstoff der Arbeitersiedlung kann als Dämm-, Dichtungs- oder Armierungsmaterial wieder Teil des Hauses werden.
So verbindet das Konzept Effizienz, Konsistenz und Suffizienz nicht als technische Einzelmaßnahmen, sondern als Haltung des Weiterbauens: weniger verbrauchen, länger nutzen, einfacher reparieren, Materialien im Kreislauf halten und vorhandene natürliche Ressourcen wie Sonne und Regenwasser aktiv nutzen.
Auszeichnungen
Nominierung für BauNetz CampusMaster
Schlagworte
Energetische Kennwerte
Energiestandard
Objektdetails
Gebäudespezifische Merkmale
Anzahl Wohneinheiten
2
Das Objekt im Internet
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